Neutrophile Granulozyten Werte zu hoch » Funktion und Aufgaben

Was sind Neutrophile Granulozyten?

Neutrophile Granulozyten stellen über die Hälfte bis zu drei Viertel der weißen Blutkörperchen und sind nach den roten Blutkörperchen die im Blut am häufigsten vorkommenden Zellen.

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Wenn die Granulozyten im Blutbild zu hohe Werte aufzeigen, weist das auf Infektionen oder Entzündungen hin. Es gibt aber auch eine Reihe von anderen Ursachen, bei denen die neutrophile Granulozyten-Werte erhöht sind.

Außer bei Stress und Schwangerschaft findet man sie auch bei ernsthaften Erkrankungen wie Leukämien oder nach Herzinfarkten. Wir erklären Ihnen, wie solche Erhöhungen zustande kommen und bei welchen Krankheiten das der Fall ist.

Neutrophile Granulozyten  Werte zu hoch

Neutrophile Granulozyten-Werte: Was sind überhaupt neutrophile Granulozyten?

Ihren Namen haben die Granulozyten von der Struktur ihres Zytoplasmas erhalten, das mit den gängigen Blutfärbemethoden (Giemsa- und May-Grünwald-Färbung, zusammen Pappenheim-Färbung) körnig (granuliert) erscheint. Je nach der Anfärbbarkeit dieser Granula mit sogenannten neutralen, basischen und sauren (wie Eosin) Farbstoffen unterteilt man sie in neutrophile, basophile und eosinophile Granulozyten.

Neutrophile Granulozyten

Die neutrophilen Granulozyten stellen den größten Teil der weißen Blutkörperchen und den überwiegenden Teil der Granulozyten. Ihre Kerne sind nicht rundlich wie bei vielen anderen Zellen, sondern unterteilt und vielförmig, weswegen man sie auch als polymorphkernige Leukozyten bezeichnet.

Nach der Strukturierung ihres Zellkerns unterscheidet man die ausgereiften segmentkernigen neutrophilen Granulozyten (50 – 70 % der weißen Blutkörperchen) und die noch nicht vollständig gereiften stabkernigen neutrophilen Granulozyten (3 – 5 %).

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Neutrophile Granulozyten:  Das Wichtigste auf einen Blick!

  1. Neutrophile Granulozyten sind die am häufigsten im Blut vorkommenden weißen Blutkörperchen. Wesentlich mehr davon findet man im Knochenmark und im Gewebe.
  2. Im Gewebe beseitigen sie Bakterien, Viren und Einzellern verantwortlich und vermitteln Entzündungsreaktionen.
  3. Daher sind die neutrophile Granulozyten-Werte immer dann erhöht, wenn eine Infektion oder Entzündung vorliegt. Diese erhöhten Werte bezeichnet man als Neutrophilie.
  4. Daneben kommen Stress, Schwangerschaft und Operationen als Ursachen einer Neutrophilie infrage.
  5. Die neutrophilen Granulozyten sind Hauptbestandteil des Eiters.

 

Neutrophile Granulozyten-Werte: Bildung im Knochenmark

Weiße Blutkörperchen und vor allem neutrophile Granulozyten sind im Vergleich zu roten Blutkörperchen nur wenige im Blut enthalten. Sie entstehen im Knochenmark und verbleiben dort nach dem Ausreifen noch für etwa fünf Tage an den Endothelien der Blutlakunen (Sinusendothel), bis sie in die Blutbahn eindringen.

Selbst die bereits in die Blutgefäße eingewanderten Zellen schwimmen nur zu einem geringen Teil umher. Die meisten haften an der Endothelwand der Gefäße von Milz und Lunge.

Wie entsteht Blut Was sind Blutkörperchen

Diese ruhenden Zellen im Knochenmark und in den Gefäßen stehen auf Abruf bereit und können bei Bedarf sehr schnell freigesetzt werden. Das geschieht auf einen adrenergen Reiz hin, einen Stimulus infolge der Freisetzung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin oder von Corticosteroiden wie Cortison. Daher steigen die neutrophilen Granulozyten-Werte des Blutes bei Infektionen und Entzündungen binnen kürzester Zeit rapide an (neutrophile Leukozytose).

Neutrophile Granulozyten-Werte: Die Wanderung vom Knochenmark in die peripheren Gewebe

Aus dem Knochenmark treten die neutrophilen Granulozyten ins Blut über, das sie nur zum Transport in die peripheren Gewebe benutzen. Im Knochenmark ist zum Vergleich die 12-14fache Menge gespeichert. Sie verbleiben nur etwa sechs bis acht Stunden in der Blutbahn, bevor sie ins Gewebe eindringen.

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Das geschieht bevorzugt an den Orten, wo eine Entzündung oder Infektion vorliegt, die durch Botenstoffe (Zytokine) signalisiert wird. Wo die neutrophilen Granulozyten diese Botenstoffe wahrnehmen, lagern sie sich an das Endothel des Blutgefäßes an (Pavementing) und dringen ins Gewebe vor (Diapedese).

weiterlesen: Entstehung und Aufgaben von Blutzellen

Entstehung der Blutzellen: _differentiation_chart.jpg: パタゴニア derivative work: Furfur (Blood_cells_differentiation_chart.jpg) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Neutrophile Granulozyten-Werte: Linksverschiebung und Rechtsverschiebung

Wenn die auf Abruf bereitgehaltenen neutrophilen Granulozyten nicht ausreichen und die Infektion oder Entzündung fortbesteht, werden zudem die myeloischen Vorläuferzellen der neutrophilen Granulozyten im Knochenmark stimuliert.

Daraufhin proliferieren diese verstärkt und bilden vermehrt Zellen, um die Bakterien oder Viren zu bekämpfen. Im Blutbild erkennt man das daran, dass darin die noch nicht vollständig ausgereiften stabkernigen Granulozyten zunehmen (Linksverschiebung).

Dagegen bedeutet eine Rechtsverschiebung, dass im Blutbild vor allem die reifen segmentkernigen Granulozyten vorherrschen. Das ist der Fall, wenn das Knochenmark nicht genug neue Granulozyten bildet und die bereits vorhandenen fast alle ausreifen. Das ist bei einer Schädigung des Knochenmarks der Fall, die die myeloischen Stammzellen beeinträchtigt. In der Klinik findet man so etwas vor allem nach Bestrahlung und Chemotherapie.

Neutrophile Granulozyten: Beseitigung von Krankheitserregern im Gewebe

Im Gewebe suchen die neutrophilen Granulozyten nach eingedrungenen Viren, Bakterien und Einzellern oder abgestorbenen Zellen. Dabei folgen sie bestimmten Signalen, Chemotaxinen.

Das sind Zelltrümmer oder Bestandteile des Komplements, das Antikörper bei der Reaktion mit ihren Antigenen bilden. Die neutrophilen Granulozyten umschließen Bakterien, tote Zellen oder Komplementbruchstücke und bauen sie ab. Diesen Vorgang bezeichnet man als Phagozytose (griechisch sinngemäß Auffressen von Zellen). Die neutrophilen Granulozyten bilden dazu in speziellen Organellen, den Lysosomen, reaktive Sauerstoffspezies (Radikale), die die Strukturproteine und Enzyme von Viren und Bakterien zerstören.

Zudem sind die neutrophilen Granulozyten in der Lage, Energie ohne Sauerstoff zu gewinnen (Glykolyse) und überleben daher auch im sauerstoffarmen Milieu von Entzündungsherden. Ihre anstrengende Arbeit im Gewebe überleben sie nur maximal zwei bis fünf Tage, bis sie zugrunde gehen und selbst phagozytiert werden.

Neutrophile Granulozyten Vermittlung von Entzündungsreaktionen

An der Stelle der Infektion oder dem Ort der Entzündung sammeln sich zahlreiche neutrophile Granulozyten und andere weiße Blutkörperchen. Eine solche Ansammlung kennen wir als Eiter, der aus weißen Blutkörperchen, Gewebsflüssigkeit und abgestorbenen Zellen besteht. Die aus den Lysosomen der zugrunde gehenden Granulozyten freigesetzten Enzyme sorgen für eine Aufweichung des umliegenden Gewebes, sodass dieser Eiter nach Durchbruch nach außen abfließen kann (Abszessdurchbruch).

Am Entzündungsherd sorgen die neutrophilen Granulozyten zudem für die Bildung von Eikosanoiden aus der ungesättigten Fettsäure Arachidonsäure. Dabei handelt es sich um spezielle Botenstoffe wie Leukotriene, Thromboxane und Prostaglandine. Diese sind wichtig für die Steuerung der Entzündungsreaktion. Sie regulieren die Gefäßweite, Permeabilität der Kapillaren, den Schmerzreiz und die Blutstillung.

Neutrophile Granulozyten

Neutrophile Granulozyten Werte zu hoch oder zu niedrig

Granulozyten-Werte zu hoch: Normwerte und Referenzbereich

Bei einem gesunden Menschen findet man 150 – 400 stabkernige und 3.000 – 58.000 segmentkernige neutrophile Granulozyten pro Mikroliter (tausendstel Milliliter) Blut.

Dieser Normbereich gilt für Männer wie Frauen gleichermaßen. Erhöhungen der neutrophile Granulozyten-Werte bezeichnet man als neutrophile Leukozytose, Neutrophilie oder Neutrozytose. Erniedrigte neutrophile Granulozyten-Werte nennt man neutrophile Leukopenie oder Neutropenie.

 

Ursachen erhöhter Neutrophiler Granulozyten

Sind durch die Neutrophilen die Granulozyten-Werte zu hoch, bezeichnet man diese spezielle Form der Leukozytose als Neutrophilie.

  • Granulozyten-Werte zu hoch durch Glukocorticoid-induzierte Neutrophilie ist die Folge eines Überangebotes von Hormonen der Nebenniere.
    • Stress und psychische Belastungen, da diese zur vermehrten Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin führen. Führt schnell zu einer vorübergehenden Neutrophilie (Stress-Leukozytose).
    • nach traumatischen Verletzungen
    • bei starken Schmerzen
    • Behandlung mit Glukocorticoiden (Cortison, Dexamethason)
    • Cushing-Syndrom (Morbus Cushing) durch einen Hypophysentumor, der die Nebenniere zu einer Überproduktion von Cortisol anregt.
  • Granulozyten-Werte zu hoch durch Infektionen. Zu beachten ist hier, dass einige Erreger für eine Erniedrigung der neutrophile Granulozyten-Werte sorgen, wie die Viren bestimmter Kinderkrankheiten (Masern, Mumps, Röteln, Windpocken) oder Bakterien (Typhus und Tuberkulose) und Einzeller (Malaria, Leishmaniose).
    • Bakterielle Infektionen und Blutvergiftungen (Sepsis) mit
      • Streptokokken
      • Staphylokokken
      • Pseudomonaden
      • Eschericha coli
    • Virale Infektionen. Hier sind neutrophile Granulozyten-Werte weniger hoch als bei bakteriellen Infektionen. Nur bei bestimmten Viren wie
      • Inlfuenzavirus (Grippe)
      • Poliovirus (Kinderlähmung)
      • Rabiesvirus (Tollwut)
      • Herpesviren (Windpocken, Gürtelrose)
    • Infektionen mit Einzellern
  • Granulozyten-Werte zu hoch durch akute Entzündungen
    • Hirnhautentzündung (Enzephalitis)
    • Mittelohrentzündung (Otitis media)
    • Lungenentzündung (Pneumonie)
    • Entzündungen der Bronchien (Bronchitis)
    • Entzündungen der Herzinnenhaut (Endokarditis)
    • Bauchfellentzündung (Peritonitis)
    • Gallenblasenentzündung (Cholecystitis)
    • Magenschleimhautentzündung (Gastritis)
    • Blinddarmentzündung (Appendizitis)
    • Mandelentzündung (Tonsillitis)
    • eitrig entzündete Wunden
    • Verbrennungen
  • Granulozyten-Werte zu hoch durch chronisch-entzündliche Erkrankungen
    • Gicht
    • Rheuma
    • Morbus Crohn
    • Colitis ulcerosa
    • Pyodermie (eitrige Hautentzündungen durch Streptokokken und Staphylokokken)
    • Abzesse
    • Kawasaki-Syndrom (eine Gefäßentzündung bei Kindern)
  • Granulozyten-Werte zu hoch durch Autoimmunerkrankungen
    • rheumatisches Fieber
    • rheumatoide Arthritis
    • Hashimoto-Thyreoiditis
    • Fibromyalgie
  • Granulozyten-Werte zu hoch bei Verletzungen und Operationen
    • chirurgische Entfernung von Nekrosen
    • chirurgische Beseitigung von Entzündungsherden
    • Legen von Wunddrainagen
    • Entfernung der Milz (Splenektomie) – führt zu einer verminderten Entfernung alter neutrophiler Granulozyten
    • Verbrennungen
  • Granulozyten-Werte zu hoch bei Blutarmut infolge
    • aktuten Blutverlustes oder als
    • Folge einer Anämie
  • Granulozyten-Werte zu hoch infolge Gewebeuntergang
    • nach Herzinfarkt
    • nach Lungeninfarkt
    • nach Darminfarkt
    • nach Niereninfarkt und Nierenversagen
  • Granulozyten-Werte zu hoch bei Erkrankungen des endokrinen Systems und seiner Hormone
    • Diabetes mellitus mit Ketoazidose
    • Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)
    • Thyreotoxikose (thyreotoxische Krise) bei Morbus Basedow und nach Jodexposition
  • Granulozyten-Werte zu hoch infolge Schwangerschaft, da die Mutter zum Schutz des Ungeborenen vermehrt Leukozyten bildet.
  • Granulozyten-Werte zu hoch infolge Einnahme von oralen Kontrazeptiva (Anti-Baby-Pille) und Rauchen. Beides zusammen führt zu einer deutlichen Neutrophilie.
  • Granulozyten-Werte zu hoch infolge einer metastasierenden Krebserkrankung
  • Granulozyten-Werte zu hoch infolge einer hämatologischen Systemerkrankung
    • chronisch-myeloische Leukämie (CML)
    • andere Leukämien (ALL, AML)
    • Plasmozytome
  • Granulozyten-Werte zu hoch infolge chemischer und physikalischer Ursachen
    • Ionisierende Strahlung
      • Radioaktivität
      • Röntgenbestrahlung
      • Bestrahlung bei Chemotherapie
    • Chemotherapie mit Zytostatika
    • Alkoholismus
    • Medikamente (Lithium, Ranitidin)

 

Quellen, Links und weiterführende Literatur

  1. Alan Stevens, James Lowe: Histologie. Weinheim 1997: Wiley-VCH Verlag. ISBN-10: 3527155112.
  2. Robert F. Schmidt (Hrsg.), Florian Lang (Hrsg.), Manfred Heckmann (Hrsg.): Physiologie des Menschen. Mit Pathophysiologie. 31. Auflage. Stuttgart 2010: Springer-Verlag. ISBN-10: 3642016502.
  3. Stefan Silbernagl, Florian Lang: Taschenatlas Pathophysiologie. 5. Auglage. Stuttgart 2017: Georg Thieme-Verlag. ISBN-10: 3132418897.
  4. Klaus Dörner: Taschenlehrbuch Klinische Chemie und Hämatologie. 8. Auflage.Stuttgart 2013: Georg Thieme-Verlag. ISBN-10: 3131297182.

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