Wie ist der Ablauf eines Darminfarktes? Welche Komplikationen treten beim Darminfarkt auf?

Infarkt kennen die meisten Menschen als Herzinfarkt. Der medizinische Begriff des Darminfarkt bezeichnet den vollständigen Verschluss eines Blutgefäßes, in dessen Folge die von diesem Gefäß versorgten Bereiche von der Sauerstoff- und Nährstoffversorgung abgeschnitten sind. Solche Verschlüsse sind die Folge einer zunehmenden Verengung durch eine Arterienverkalkung (Arteriosklerose) oder durch das Einschwemmen eines Blutgerinnsels (Embolus), das die Leitungsbahn verstopft.

  

Darminfarkt
Darminfarkt Operation, www.grossesblutbild.de

Was ist ein Darminfarkt

Dementsprechend kann ein Infarkt praktisch alle Organe betreffen, nicht nur das Herz. Ebenso kann ein Lungeninfarkt auftreten oder sich ein Verschluss im Gehirn als Schlaganfall äußern. Noch wesentlich gefährlicher als diese Formen eines Infarkts sind Gefäßverschlüsse im Darm, ein Darminfarkt.

Denn Herzinfarkt und Schlaganfall äußern sich unmissverständlich, sodass meist noch rechtzeitig Hilfe geholt und der Schaden begrenzt werden kann. Dagegen beginnt ein Darminfarkt mit unspezifischen Bauchschmerzen. Besonders heimtückisch: Nach einer Weile klingen diese ab, sodass der Patient dem Geschehen leicht keine weitere Beachtung schenkt. Dabei geschieht gerade hier Unheilvolles, denn Darmgewebe stirbt ab und lässt Bakterien in die Bauchhöhle vordringen.

 

Darminfarkt: Wieso ist sein Verlauf so gefährlich?

Auch bei Herzinfarkt und Schlaganfall stirbt Gewebe ab, weil es keinen Sauerstoff mehr bekommt. Das kann zwar schnell tödlich enden, aber in vielen Fällen ist der Schaden bei rechtzeitiger Erkennung und Behandlung begrenzt. Hat ein Patient erst einmal das Schlimmste überstanden, sind seine Überlebensaussichten fürs Erste relativ gut, auch wenn mit teils erheblichen Einschränkungen zu rechnen ist.

Anders sieht das beim Darminfarkt aus. Der Verlauf ist zunächst so unauffällig, dass viele Patienten denken, sie hätten etwas vom Essen nicht vertragen. Da die kolikartigen Schmerzen bald abklingen und nur noch Blähungen lästig sind, gehen sie nicht zum Arzt. Wegen Bauchschmerzen? Ist doch schon viel besser geworden…

Gerade das ist das Fatale. Denn wenn ein Darmgefäß dicht macht, stirbt das davon versorgte Gewebe schnell ab. Das Darmepithel geht dabei zugrunde und verliert somit seine Barrierefunktion. Man spricht medizinisch von einer ischämischen Darmwandnekrose. Das kleinste Loch in der Darmwand erlaubt es Darmbakterien, sich in die Bauchhöhle auszubreiten. Dort vermehren sie sich explosionsartig und verteilen sich im gesamten Bauchraum. Die Bakterien und ihre Giftstoffe (Toxine) verursachen eine Entzündung des Bauchfells (Peritoneums), das die Bauchhöhle auskleidet und in dem die Bauchorgane gelegen sind. Eine solche Bauchfellentzündung (Peritonitis) bezeichnet man auch als Durchwanderungsperitonitis.

Ähnliches geschieht beim bekannten Blinddarmdurchbruch, der bekanntermaßen zu schwerwiegenden Komplikationen führt. Nur ist hier die Ursache eine andere. Aber auch die Durchwanderungsperitonitis bei einem Darminfarkt ist selbst notfallmedizinisch nur noch schwer in den Griff zu bekommen und verläuft oftmals tödlich.

 

Darminfarkt – Verlauf und Komplikationen: Das Wichtigste auf einen Blick

  1. Mit Darminfarkt bezeichnet man eine Blut-Minderversorgung (Ischämie) von Darmabschnitten, wodurch diese absterben.
  2. Bei einem Darminfarkt ist der Verlauf zunächst unspezifisch und äußert sich im krampfartigen (kolikartigen) Bauchschmerzen, die nach einer Weile abklingen.
  3. In dieser Zeit treten Darmbakterien aus dem abgestorbenen Darmbereich in die Bauchhöhle ein und führen zu einer Bauchfellentzündung.
  4. Eine solche Durchwanderungsperitonitis ist nur schwer zu beseitigen. Oft wird sie viel zu spät erkannt, sodass der angerichtete Schaden bereits weit fortgeschritten ist
  5. Selbst bei umgehender medizinischer Versorgung ist die Todesrate hoch – vergleichsweise höher als bei Herzinfarkt oder Schlaganfall!

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Darminfarkt Verlauf: Wo findet der Gefäßverschluss statt?

Das Bauchfell (Peritoneum) haben wir vorhin bereits kennengelernt. Es kleidet die Bauchhöhle aus, in der die Bauchorgane wie Magen, Darm, Leber und Bauchspeicheldrüse liegen. Auch diese Organe sind von einer Verdoppelung (Duplikatur) des Peritoneums bedeckt, die von der hinteren Bauchwand ausgeht. Man bezeichnet diese Zelllagen als seröse Hüllen. Eine kleine Menge Flüssigkeit (daher serös) zwischen den beiden „Blättern“ (auf dem Organ und auf der umgebenden Körperhöhle) sorgt dafür, dass sich Organe verschieben und in gewissem Umfang bewegen können. Das gilt ebenso für die atmende Lunge mit Lungenfell und Rippenfell oder das schlagende Herz mit Herzbeutel und äußerer Herzwand (Epikard).

Besonders wichtig ist eine solche Motilität für den Darm. Seine ständigen Bewegungen, die Darmperistaltik, sorgt dafür, dass der Nahrungsbrei durchmischt und weitertransportiert wird. Dort, wo an der hinteren Bauchwand die Duplikatur des Bauchfells abgeht, verlaufen sämtliche Nerven und Blut- und Lymphgefäße, die den Darm und die sonstigen Bauchorgane versorgen. Beim Darm sorgt die Duplikatur für die Aufhängung des Darms in der Bauchhöhle. Man bezeichnet sie auch als Gekröse oder Mesenterium.

Bei einem Darminfarkt verstopft eines der Gefäße im Gekröse, ein Mesenterialgefäß, oder erhält zu wenig Blut. Daher bezeichnet man den Darminfarkt medizinisch auch als Mesenterialinfarkt oder akute mesenteriale Ischämie (AMI).

Ein Darminfarkt entsteht durch

  • den Verschluss einer Darmarterie (arteriell okklusive Ischämie), meist der oberen Mesenterialarterie (Arteria mesenterica superior) durch
    • die fortschreitende Verengung eines Mesenterialgefäßes infolge Arterienverkalkung (Arteriosklerose), eine sogenannte Mesenterialarterienstenose. Typisch für diese: Nimmt ein Patient Nahrung zu sich, führt das normalerweise zu einer verstärkten Durchblutung des Darmes, um die Darmbewegungen und Verdauung zu ermöglichen und Nährstoffe aufzunehmen. Da die Gefäße verengt sind, treten nach dem Essen Schmerzen auf. Analog zur Angina pectoris mit Brustschmerzen bei Belastung des Herzens spricht man hier auch von einer Angina abdominalis.
    • die Einschwemmung eines Blutgerinnsels (Embolus), das sich an anderer Stelle gebildet hat (etwa bei Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern oder bei tiefer Beinvenenthrombose sowie nach chirurgischen Eingriffen, etwa zur Beseitigung eines Aneurysmas im Bauchraum) und sich im Kapillargebiet des Mesenteriums festsetzt.

Bei der arteriell okklusiven Ischämie mit vollständigem Gefäßverschluss tritt der nachfolgend näher beschriebene dreiphasige Verlauf auf.

  • eine Minderversorgung durch Störungen der Herztätigkeit mit verminderter Blutversorgung des Darms (arteriell nicht-okklusive Ischämie).

Da die Einschränkung der Blutversorgung sich nur langsam auswirkt, kommt es zu zunehmenden Bauchschmerzen, die sich über mehrere Tage hinziehen können, bis die Ischämie kritisch wird und Darmgewebe abstirbt.

  • ein Blutgerinnsel (Thrombose) in einer das Blut aus dem Darm ableitenden Vene.

Hier ist der Verlauf noch langsamer, da die Ableitung des Blutes teilweise von benachbarten Venen übernommen wird. Zu einer Stauung in der versorgenden Arterie kommt es daher erst relativ spät. Die Bauchschmerzen sind in diesem Falle wenig spezifisch und ziehen sich über mehrere Tage hin.

 

Darminfarkt Formen im Verlauf

Je nachdem, ob es sich bei dem Darminfarkt um eine arteriell okklusive oder nicht-okklusive Ischämie oder eine verschlossene Vene handelt, ist der weitere Verlauf unterschiedlich rasch. Am schnellsten geht die Ischämie bei arteriellem Verschluss, am langsamsten beim venösen Verschluss. Im Endeffekt ist das Ergebnis in allen Fällen das gleiche: Darmepithel stirbt ab (wird nekrotisch) und letztlich dringen Bakterien in den Bauchraum ein.

 

Darminfarkt Ablauf – Initialstadium

Was beim Darminfarkt im weiteren Verlauf geschieht, bezeichnet der Mediziner als akutes Abdomen. Das ist keine Krankheit, sondern die Beschreibung eines Komplexes verschiedener Symptome, die völlig unterschiedliche Ursachen haben können. In vielen Fällen handelt es sich dabei um ein Alarmsignal, dass eine möglicherweise lebensbedrohende Krankheit dahinterstecken könnte. Ein akutes Abdomen äußert sich in kolikartigen Bauchschmerzen, die Bauchwand baut eine Abwehrspannung auf. Hinzu kommen Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle und Fieber. Der Bauch fühlt sich weich und teigig an.

Darminfarkte machen allerdings nur etwa zwei Prozent der Fälle eines akuten Abdomens aus, im Alter über 70 Jahren rund zehn Prozent, sodass die meisten Ärzte gar nicht an diese Möglichkeit denken. Sie veranlassen meist eine weitergehende Diagnostik wie Ultraschall, Röntgen oder ähnliches, um die Ursache des akuten Abdomens herauszufinden. So viel Zeit hat der Patient jedoch nicht: Bereits sechs Stunden nach Beginn eines Darminfarkts überlebt nur noch die Hälfte der Patienten, nach zwölf Stunden gehen ihre Überlebenschancen gegen null.

Darminfarkt: Trügerischer Frieden

Nach einigen Stunden gehen die Bauchschmerzen zurück – aber nicht weil sich die Ursache gebessert hat, sondern weil die zuständigen Schmerzrezeptoren inzwischen abgestorben sind und keine Signale mehr senden. Hinzu kommen in dieser Phase Flatulenzen und Durchfälle mit auffallend fettigem Stuhl.

Das liegt daran, dass der geschädigte Dünndarm die Nahrung nicht wie sonst aufschließt, verdaut und die Reste weiterleitet. Stattdessen gelangen die praktisch unverdauten Nahrungsreste in den bakterienreichen Dickdarm, wo die Mikroflora sie zersetzt. Daran sind zahlreiche Gärungsvorgänge beteiligt, die für übelriechende Gase sorgen und den Bauch auftreiben (Meteorismus).

Dieses Stadium dauert sechs bis zwölf Stunden an, bis es zu weiteren Komplikationen kommt.

 

Darminfarkt Komplikationen

Da das abgestorbene Darmepithel seine Barrierefunktion nicht mehr aufrechterhalten kann, kommt es zu einer Durchlöcherung (Perforation) der Darmwand. Die Darmbakterien gelangen in die Bauchhöhle und verbreiten sich dort rasant. In diesem Stadium wird ihre Beseitigung zusehends schwieriger bis unmöglich. Ihre zum Teil toxischen Stoffwechselendprodukte gelangen in den Körper und vergiften diesen zusehends.

Dadurch kommt es langfristig zum Schock. Zudem dringen sie auf kurz oder lang in die Blutbahnen ein und führen so zu einer Blutvergiftung (Sepsis). Leider ist dies das Stadium, in dem die meisten Fälle eines Darminfarkts erst diagnostiziert werden. Daher liegt die mittlere Sterblichkeitsrate beim Darminfarkt zwischen 50 und 70 Prozent.

  

Literatur und Quellen

  1. M. Hoffmann, T. Keck: Mesenteriale Durchblutungsstörungen: Diagnostik und Therapie. Dtsch Med Wochenschr. 2014 Jul;139(30):1540-4. doi: 10.1055/s-0034-1370157. Epub 2014 Jul 29.
  2. Helmut Messmann (Hrsg.): Klinische Gastroenterologie: Das Buch für Fort- und Weiterbildung plus DVD mit über 1.000 Befunden. Stuttgart 2011: Georg Thieme-Verlag. ISBN-10: 3131472510.
  3. Irmtraut Koop (Hrsg.): Gastroenterologie compact: Alles für Klinik und Praxis. Stuttgart 2013: Georg Thieme-Verlag. ISBN-10: 313126313X.
  4. Hartmut Köppen: Gastroenterologie für die Praxis. Stuttgart 2010: Georg Thieme-Verlag. ISBN-10: 3131467614.
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