Zu wenig neutrophile Granulozyten im Blut

Neutropenie bedeutet in der Medizin eine verringerte Anzahl neutrophiler Granulozyten im Blut. Ein fast vollständiges Fehlen bezeichnet man als Agranulozytose. Festgestellt wird eine solche Verminderung im großen Blutbild, das Ärzte bei Verdacht auf bestimmte Erkrankungen aus einer Blutprobe anfertigen lassen. Ursache einer Neutropenie oder Neutrozytopenie ist meistens ein Viruseinfekt, seltener bakterielle Infektionen oder Schädigung der Stammzellen im Knochenmark. (Neutropenie Synonyme: NeutrozytopenieGranulozytopenie)

Granulozyten

Was sind neutrophile Granulozyten?

Neutrophile Granulozyten sind die Hauptvertreter der Granulozyten, spezialisierten weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Man unterscheidet unreife stabkernige Neutrophile von reifen segmentkernigen Formen.

Die Reifung der stabkernigen neutrophilen Granulozyten findet nach ihrer Freisetzung aus dem Knochenmark in das periphere Blut statt. Da dies recht schnell vonstatten geht, überwiegen normalerweise im Blutbild die Segmentkernigen.

Die neutrophilen Granulozyten werden bei Entzündungsreaktionen von freigesetzten Botenstoffen herbeigelockt und beseitigen eingedrungene Viren, Bakterien und Pilze. Zusammen mit Lymphozyten, toten Erregern und Gewebsflüssigkeit bilden sie einen Großteil des bei vielen Entzündungen entstehenden Eiters.

Granulozyten Arten

Das Wichtigste auf einen Blick!

  1. Neutrophile Granulozyten bilden die größte Gruppe unter den Granulozyten, einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen. Sie sind Bestandteil der Immunabwehr und kümmern sich um die Beseitigung von Bakterien, Viren und Pilzen.
  2. Eine Verminderung ihrer Anzahl im peripheren Blut bezeichnet man als Neutropenie.
  3. Je nach verbleibender Neutrophilenzahl unterscheidet man mehrere Schweregrade der Neutropenie von leicht bis schwer. Je geringer die Zahl der neutrophilen Granulozyten, desto größer wird die Gefahr von Infektionen.
  4. Als Ursachen kommen angeborene oder erworbene Noxen infrage. zu ersteren zählen einige seltene Erbkrankheiten, zu zweiteren Infektionen, Medikamente sowie ein erhöhter Verbrauch durch Allergien und Entzündungen oder eine verminderte Nachlieferung aus dem Knochenmark.
  5. Die Therapie zielt auf die Ursache der Neutropenie, die lediglich ein Symptom darstellt.

Normwerte der Granulozyten

Zellbezeichnung Zellanteil an den Gesamt Leukozyten Zellen pro pro µl
Neutrophile Granulozyten    
Stabkernige (neutrophile) Granulozyten 3 bis 5% 150–400
– Segmentkernige (neutrophile) Granulozyten 50 bis 70% 3000–6000
Eosinophile Granulozyten 3 bis 4% 50–250
Basophile Granulozyten 0 bis 2% 15–50

(Quelle: www.grossesblutbild.de)

Wie viele neutrophile Granulozyten im Blut sind normal?

Die unreifen stabkernigen neutrophilen Granulozyten machen 3-5 Prozent der weißen Blutkörperchen aus, die ausgereiften Formen hingegen 50-70 Prozent.

Das entspricht 150-400 Zellen und 3000-58000 Zellen pro Mikroliter (tausendstel Milliliter). Feststellen lässt sich eine Verminderung der Anzahl der Granulozyten im großen Blutbild oder Differenzialblutbild.

Im Gegensatz zum kleinen Blutbild unterscheidet es die verschiedenen Gruppen der Leukozyten, neben den Granulozyten also auch Monozyten und Lymphozyten. Eine Verminderung gegenüber diesen Normalwerten bezeichnet man als Neutropenie oder Neutrozytopenie, im Extremfall als Agranularzytose. Kommt es zu einer Vermehrung der Anzahl, spricht man von einer Neutrophilie oder bei sehr hohen Werten von einer Granularzytose.

stabkernig - Neutrophiler Granulozyt

Schweregrade der Neutropenie

Je nach Verminderung der Neutrophilenzahl unterscheidet man verschiedene Schweregrade:

  • leichte Neutropenie: 1000-1500/µl – mit geringer Infektionsneigung.
  • mittelgradige Neutropenie: 500-1000/µl – mit mäßiger Infektionsneigung, lässt sich noch ambulant behandeln.
  • schwere Neutropenie: unter 500/µl – schwere Infektionsneigung, die Patienten müssen in der Regel stationär beobachtet werden.

Formen

Bei einer Neutropenie unterscheidet man angeborene und erworbene Formen. Angeborene Formen der Neutropenie kommen bei einigen genetisch weitergegebenen Erkrankungen vor. Sie sind jedoch relativ selten.

  • infantile Agranularzytose (Kostmann-Syndrom)
  • Glykogenose Typ 1 (von Gierke-Krankheit)
  • Shwachman-Diamond-Soki-Syndrom
  • ChediakSyndrom
  • Zyklische Neutropenie
  • angeborene Dyskeratose

Erworbene Formen der Neutropenie sind nicht familiär bedingt, sondern treten nach Infektionen und Arzneimittelexposition auf. Weitere Gründe sind ein erhöhter Verbrauch von Granulozyten oder eine verminderte Nachlieferung aus dem Knochenmark.

  • nach Infektionen mit Viren
    • Masern
    • Windpocken
    • Röteln
    • Hepatitis A und Hepatitis B
    • Pfeiffersches Drüsenfieber (kissing disease, Mononukleose)
    • AIDS
  • nach Infektionen mit Bakterien
    • Staphylococcus aureus, auch bei nosokomialen MRSA-Infektionen
    • Tuberkulose (Mycobacterium tuberculosis)
    • Rickettsiosen (Rickettsia spec.)
    • Brucellosen (Brucella spec.)
    • Typhus (Salmonella enterica)
  • Medikamenten-induzierte Formen nach Gabe von
    • Antibiotika (Penicillin, Sulfonamide)
    • Benzodiazepinen
    • Barbituraten
    • Digoxin
    • Antikonvulsiva
  • bei erhöhtem Verbrauch von Immunzellen – typisch hierfür ist eine Linksverschiebung, bei der vermehrt unreife stabkernige Neutrophile im Blut auftauchen.
    • Autoimmunerkrankungen
    • Allergien
    • schweren Entzündungsreaktionen wie Blutvergiftung (Sepsis) oder Bauchfellentzündungen (Peritonitis)
  • bei verminderter Produktion von Granulozyten nach
    • Chemotherapie
    • Bestrahlung
    • Myelodysplasien
    • Akute myeloische Leukämie (AML)
  • bei Entzug von neutrophilen Granulozyten aus dem peripheren Blut. Das passiert, wenn sie sich vermehrt an die Gefäßwände anheften oder in Milz und Lymphknoten zurückgehalten werden. Dann können sie im großen Blutbild nicht bestimmt werden. Zu solchen Reaktionen kommt es bei
    • anaphylaktischem Schock
    • Vergiftungen mit bakteriellen Endotoxinen

segmentkernig

Was passiert bei einer Granulozytopenie?

Die neutrophilen Granulozyten sind ein wichtiges Element der körpereigenen Immunabwehr. Fehlen sie, so treten gehäuft Infektionen auf. Am häufigsten betrifft das jene Stellen, die ohnehin von normalerweise harmlosen Bakterien besiedelt sind wie Häute und Schleimhäute.

Die sonst vom Immunsystem in Schach gehaltenen Streptokokken und Staphylokokken können leichter in das Körperinnere eindringen und Infektionen verursachen. Bei starken Neutropenien und Agranularzytose treten zudem vermehrt Infektionen mit Pilzen wie Candida spec. und mit Viren auf.

Behandlung

Die Granulozytopenie ist ein Symptom und keine eigenständige Erkrankung. Daher steht bei der Therapie die Behandlung der zugrundeliegenden Ursache im Vordergrund.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

  1. Wade Kyono, Thomas D Coates: A practical approach to neutrophil disorders. Pediatric Clinics of North America, Volume 49, Issue 5, 2002, 929-971.
  2. Ferreira, Juliana Nunes, Correia, Lury Renata Barbosa Ribeiro, Oliveira, Renata Moreira de, Watanabe, Silvia Naomi, Possari, João Francisco, & Lima, Antônio Fernandes Costa. (2017).
  3. Managing febrile neutropenia in adult cancer patients: an integrative review of the literature. Revista Brasileira de Enfermagem, 70(6), 1301-1308. abgerufen↑
  4. Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 266. Auflage. Berlin 2014: Walter de Gruyter-Verlag. ISBN-10: 3110339978.
  5. Wolfgang Piper: Innere Medizin. 2. Auflage. Stuttgart 2012: Springer-Verlag. ISBN-10: 3642331076.
  6. Gerd Herold: Innere Medizin. Köln 2016: G. Herold-Verlag. ISBN-10: 3981466063.
  7. Marlies Michl: BASICS Hämatologie. München 2016: Urban & Fischer/Elsevier-Verlag. ISBN-10: 3437421697.
  8. Reinhard Andreesen, Hermann Heimpel: Klinische Hämatologie. München 2009: Urban & Fischer/Elsevier-Verlag. ISBN-10: 343731498X.
  9. Artikel auf wikipedia.de https://de.wikipedia.org/wiki/Neutrophiler_Granulozyt
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Dr. rer. medic. Harald Stephan, Doktor der Medizinwissenschaften und Naturwissenschaftler mit medizinischer Promotion. Dieser Artikel entspricht aktuellen wisenschaflichen Standards und medizinischen Leitlinien.
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