Unbemerkter Herzinfarkt ohne Symptome

Herzinfarkte machen meistens durch eindeutige Symptome wie durch heftige Schmerzen in der Brust bemerkbar. Meistens. Ein stummer Herzinfarkt verläuft ohne Symptome und typische Anzeichen, sodass er oft erst Monate oder gar Jahre später bemerkt wird. Das macht ihn umso gefährlicher, denn das betroffene Gewebe vernarbt und beeinträchtigt die Herzfunktion. Einen stummen Herzinfarkt zu erkennen ist lebenswichtig, da Herzrhythmusstörungen, weitere Infarkte und plötzlicher Herztod drohen.

 

stummer Herzinfarkt
gleichmäßiges EKG – Copyright: Korawig, Bigstockphoto

 

 

Ursachen für den stummen Herzinfarkt

Das Herz weist zwei Arten von Gefäßen auf: Die öffentlichen Gefäße (Vasa publica) versorgen den gesamten Körper mit Blut und somit Sauerstoff und Nährstoffen. Beides benötigt auch das Herz selbst für seine Arbeit. Diese Eigenversorgung erfolgt über die persönlichen Gefäße (Vasa privata), besser bekannt als Herzkranzgefäße oder Koronargefäße.

Ein Herzinfarkt (Myokardinfarkt) entsteht, wenn ein Herzkranzgefäß hochgradig eingeengt ist oder durch ein Blutgerinnsel verstopft wird. Dadurch kann der dahinter liegende Bereich nicht mehr mit Blut versorgt werden, wird ischämisch und stirbt ab. Das Muskelgewebe wird teilweise resorbiert (Myozytolyse) und durch Bindegewebe ersetzt, sodass eine weißliche Narbe zurückbleibt (ischämische Myokardnekrose).

Je nach Lage und Ausdehnung dieser Narbe kommt es zu Einschränkungen der Herzfunktion: Die Reizleitung zwischen den Herzmuskelzellen ist durch die abgestorbenen Bereiche gestört, eine koordinierte Kontraktion ist nicht mehr möglich.

Eine solche Gewebeschädigung tritt auf, wenn die Durchblutung unter 25 % des normalen Wertes absinkt (Koronarstenose). Hierbei handelt es sich um die häufigste Ursache für einen Herzinfarkt. Solche Einengungen sind die Folge einer schon länger bestehenden koronaren Herzerkrankung (KHK).

Infolge einer solchen koronaren Herzkrankheit können in den Herzkranzgefäßen auch Blutgerinnsel entstehen. Kleine Verletzungen der lokalen Plaques führen zur Aktivierung der Blutplättchen (Thrombozyten), die die Gerinnungskaskade in Gang setzen und einen Thrombus bilden (Koronarthrombose).

Wesentlich seltener bildet sich ein Thrombus woanders, löst sich ab und setzt sich in einem Herzkranzgefäß fest (Koronarembolie).

stummer Herzinfarkt
gleichmäßiges EKG – Copyright: Korawig, Bigstockphoto

Warum bleibt ein stummer Herzinfarkt unbemerkt?

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Stumm bedeutet, dass solche Vorgänge stattfinden, ohne dass der Patient etwas davon mitbekommt. Man ging früher davon aus, dass stumme Herzinfarkte rund 20 % aller Myokardinfarkte ausmachen. Eine neue Studie mit MRT-Untersuchungen, mit denen sich Narbengewebe diagnostizieren lässt, spricht sogar von 78 %.

Besonders gefährdet sind Diabetiker. Neuropathien infolge Diabetes mellitus verändern die Nervenleitfähigkeit und beeinträchtigen die sensorischen Empfindungen, sodass der Patient den Infarkt überhaupt nicht wahrnimmt. Zudem ist bei einem Diabetiker das Risiko für eine Vorschädigung der Gefäße durch Atherosklerose hoch. Durch Gefäßverengungen und damit verbundene Verwirbelungen des Blutes entstehen Thromben, die ja nach Lokalisation Schlaganfälle, Embolien oder eben Herzinfarkte verursachen. Klagt ein Diabetiker über Schmerzen in der Brust, sollte man das sehr ernst nehmen und umgehend untersuchen lassen.

Außer Diabetikern sind Menschen mit Atherosklerose hochgradig gefährdet. Das sind vor allem Raucher, Übergewichtige und Personen mit Fettstoffwechselstörungen oder Bluthochdruck. Risikofaktor bei Frauen ist neben Nikotinkonsum die Einnahme der Antibabypille.

Darüber hinaus ist das persönliche Schmerzempfinden von Person zu Person anders. Daher werden die Warnzeichen, die auch einen stummen Herzinfarkt begleiten, von vielen nicht ernst genommen. Dadurch unterbleibt der notwendige Arztbesuch, sodass keine rechtzeitige Behandlung stattfindet und Folgeschäden unvermeidlich sind.

 

Einen stummen Herzinfarkt erkennen: Symptome

Typischerweise treten im Vorfeld eines „normalen“ Herzinfarktes Angina pectoris-Anfälle auf, Engegefühle in der Brust.

Manchmal bleibt diese Vorwarnung aus. Es kommt zu schweren Anfällen mit Todesangst, Schweißausbrüchen und Atemnot. Typischerweise tritt bei Gabe eines gefäßerweiternden Mittels wie Nitroglyzerin (Nitrospray) innerhalb einer halben Stunde keine Besserung auf. Die Schmerzen in der Brust strahlen oftmals aus, etwa in den linken Arm oder Richtung Hals und Unterkiefer. Bei einem kardiogenen Schock fällt der Blutdruck, der Puls wird schneller und schwächer, der Patient hat Brechreiz und ist kaltschweißig.

Bei einem stummen Herzinfarkt treten diese Symptome nur in geringem Umfang oder überhaupt nicht auf. Vor allem die Schmerzempfindungen bleiben aus. Müdigkeit, allgemeines Unwohlsein und Schwindelgefühl bis hin zur Ohnmacht sind vergleichsweise häufig, aber nicht besonders typisch. Untypisch sind auch diffus in den Oberbauch ausstrahlende Schmerzen, sodass Verwechslungen mit Entzündungen von Blinddarm oder Gallenblase möglich sind. Wie beim regulären Herzinfarkt können Schweißausbrüche, Atemnot sowie Übelkeit und Erbrechen auftreten. Eine solche Schmerzsymptomatik ist typisch für Diabetiker, Frauen und ältere Menschen.

Bei älteren Menschen ist ähnlich wie bei Diabetikern das Schmerzempfinden eingeschränkt. Frauen leiden eher an Luftnot, wohingegen Männer bestenfalls ein Stechen und Engegefühl in der Brust wahrnehmen. Nach einer Weile verschwinden die Symptome wieder.

 

Stummen Herzinfarkt erkennen: Späte Symptome

Eine akute Gefährdung ist trotz der Symptomfreiheit gegeben, denn durch die Myokardschäden können «Herzrhythmusstörungen» wie Vorhofflimmern Symptome und Extrasystolen auftreten. Kammerflimmern führt sehr häufig zum Tod, ebenso wie die Herzinsuffizienz, da durch die Gewebeschäden die volle Pumpleistung nicht mehr aufrechterhalten kann.

An der Stelle des abgestorbenen Gewebes kommt es bisweilen zu Ausbeulungen des Herzmuskels (Aneurysmen), die rupturieren können und binnen Sekunden zum Tode führen.
In jedem Falle steigt nach einem stummen Herzinfarkt das Risiko für einen erneuten Infarkt. Dieser ist oftmals lebensbedrohlich.

Man schätzt, dass 10 % der Personen, die einen stummen Herzinfarkt erlitten haben, innerhalb von zwei Jahren an solchen Herzproblemen versterben.

 

Bei Verdacht auf einen stummen Herzinfarkt muss der Patient umgehend in einem Krankenhaus behandelt werden! Wie bei einem normalen Herzinfarkt kommt es auf jede Minute an!

 

Stummen Herzinfarkt erkennen: Diagnose

Die Diagnose erfolgt durch ein sofortiges Elektrokardiogramm (EKG), das gegenüber dem Normalbefund Veränderungen aufweist. Seine verschiedenen Ableitungen erlauben Rückschlüsse auf die betroffenen Herzbereiche. Typisch ist eine sogenannte ST-Streckenhebung.

Ferner wird eine Blutuntersuchung durchgeführt, bei der man für einen Herzinfarkt typische Parameter (Herzenzyme) bestimmt. Dieses sind Troponin, Myoglobin, Lactatdehydrogenase (LDH), Glutamat-Oxalacetat-Transaminase (GOT) und Creatinkinase MB (CK-MB).

Ein überstandener stummer Herzinfarkt kann anhand der Vernarbungen durch bildgebende Verfahren identifiziert werden, wie Magnetresonanztomographie (MRT)» oder Computertomographie (CT).

 

Weitere Themen zum Herzinfarkt

Literatur:
1. Erland Erdmann (Hrsg.) Klinische Kardiologie: Krankheiten des Herzens, des Kreislaufs und der herznahen Gefäße. Stuttgart: Springer-Verlag (2011). ISBN-10: 3642164803.
2. Turkbey EB, Nacif MS, Guo M, McClelland RL, Teixeira PB, Bild DE, Barr RG, Shea S, Post W, Burke G, Budoff MJ, Folsom AR, Liu CY, Lima JA, Bluemke DA (2015): Prevalence and Correlates of Myocardial Scar in a US Cohort. JAMA 314(18):1945-54.

 

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