» Grad 4 Glioblastom, was bedeutet das?

Ein Glioblastom (Grad 4) ist ein Tumor des Gehirns, der sich aus dem Stützgewebe der Nervenzellen entwickelt. Es handelt sich dabei um eine bösartige Form von Krebs, die schnell wächst. Das Glioblastom (Grad 4) ist der häufigste Hirntumor im Erwachsenenalter. Wir möchten Ihnen erklären, wie sich dieser Tumor im Gehirn entwickelt und wie die Therapie aussieht. Bei einem Glioblastom Grad 4 ist Heilung kaum möglich.

MR-Angiographie:
(MRA) MR-Angiographie: ein bildgebendes Verfahren zur Untersuchung der Blutgefäße – Copyright: DeanAustinPhotography, Bigstockphoto

 

 

Das Wichtigste zum Glioblastom in Kürze:

  1. Das Glioblastom (Grad 4) ist mit 15-20 % der häufigste bösartige Hirntumor bei Erwachsenen und leitet sich von den Stützzellen der Nervenzellen ab.
  2. Das durchschnittliche Alter der Patienten liegt zwischen 45 und 70, wobei auch jüngere Menschen daran erkranken können.
  3. Im Schnitt erkranken doppelt so viele Männer wie Frauen an einem Glioblastom.
  4. Die Therapie erfolgt operativ, mit Strahlentherapie und/oder Chemotherapie. Trotzdem ist bei einem Glioblastom Grad 4 eine Heilung zurzeit praktisch ausgeschlossen.
  5. Selbst bei Behandlung liegt die mittlere Überlebenszeit bei rund 15 Monaten, und oft kommt der Krebs innerhalb kurzer Zeit zurück.

 

Glioblastom (Grad 4): Was sind Gliazellen?

Ein Glioblastom (Glioblastoma multiforme) ist eine Form von Krebs, die sich im Gehirn aus den Stützzellen der Nervenzellen, den Gliazellen entwickelt.

Glia bedeutet im Griechischen Kitt oder Leim. Als man die Zellen Ende des 19. Jahrhunderts identifiziert hat, war man der Meinung, dass sie die Nervenzellen stützen und ihnen Halt geben. Daher bezeichnet man die Gliazellen in der Histologie noch heute als Stützzellen. Sie machen rund die Hälfte der Anzahl aller Zellen im Gehirn aus, beim Rest handelt es sich vorwiegend um die Nervenzellen.

Allerdings weiß man mittlerweile, dass ihre Funktion noch viel grundlegender ist als nur das reine Zusammenhalten der Nervenzellen. Nerven funktionieren im Prinzip ähnlich wie elektrische Leitungsbahnen. Die Spannung kommt zustande, indem positiv und negativ geladene Ionen (Natrium, Kalium, Chlorid) durch die Membranen der Nervenzellen in diese einströmen oder sie verlassen. Daher ist ähnlich wie bei einem elektrischen Leiter aus Kupferdraht eine Isolationsschicht nötig, damit es nicht zu Kurzschlüssen kommt. Diese Isolierung gewährleisten die Gliazellen.

 

Glioblastom (Grad 4): Wie entsteht ein Glioblastom? Formen der Erkrankung

Glioblastome sind eine spezielle Form der von den Gliazellen ausgehenden Tumoren, den Gliomen, zu denen sie mit 50 % der Fälle beitragen. Zu den Gliomen zählen außerdem Astrozytome, Oligoastrozytome und Oligodendrogliome.

Grundlegend kann man bei einem Glioblastom zwei Grundformen unterscheiden:

Primäres Glioblastom. Ein primäres Glioblastom entsteht vollkommen neu, indem Gliazellen entarten und unkontrolliert zu wachsen beginnen. Das ist die weitaus häufigste Form des Glioblastoms. Bösartige (maligne) Vorstufen fehlen, wie sie typisch sind für ein

Sekundäres Glioblastom. Diese Form ist wesentlich seltener. Bei einem sekundären Glioblastom handelt es sich um spezielle, bereits entartete Stützzellen, die sich noch weiter auf ein früheres Entwicklungsstadium zurückentwickeln (dedifferenzieren) und bösartiger und schneller weiterwachsen. Meistens handelt es sich dabei um die sogenannten Sternzellen (Astrozyten). Die sich von den Astrozyten ableitenden Astrozytome sind nicht so bösartig (maligne) wie die Glioblastome und wachsen wesentlich langsamer. Daher sind sie meist besser therapierbar. Allerdings kann es vorkommen, dass ein operativ und durch Strahlen- und Chemotherapie auskuriertes Astrozytom dedifferenziert und als sekundäres Glioblastom wiederkehrt.

 

Glioblastom (Grad 4): Wo im Gehirn wächst der Tumor?

Mit Abstand am häufigsten tritt das Glioblastom im Großhirn auf, vor allem in den Hirnlappen ganz vorne (Frontallappen) und an den Schläfen (Temporallappen). Wesentlich seltener nimmt das Glioblastom vom Kleinhirn oder Hirnstamm seinen Ausgangspunkt.

Das Wachstum beginnt dabei in der im Inneren des Gehirns gelegenen Weißen Substanz (Substantia alba), dem sogenannten Marklager. Die Weiße Substanz bilden vor allem die langgezogenen Leitungsbahnen der Nervenfasern mit ihrer Isolationsschicht, wogegen die eigentlichen Zellkörper mit Zellkern und Organellen vorwiegend in der Grauen Substanz (Substantia grisea) zu finden sind. Diese liegt im Gehirn außen und bildet beispielsweise die Großhirnrinde mit ihren Lappen.

Problematisch ist vor allem das stark infiltrative Wachstum. Das heißt, die Tumorzellen wachsen schnell und unkontrolliert in die Gewebe der Umgebung ein. Daher kann das Glioblastom auch in die Hirnhäute (Meningen) einwachsen und sich über das Hirn- und Rückenmarkswasser (Liquor cerebrospinals) im Zentralen Nervensystem (ZNS) ausbreiten. Außerhalb des ZNS sind Metastasen selten, da sich die Tumorzellen selten über Blut oder Lymphbahnen verbreiten.

Zu der Weißen Substanz, die das Glioblastom bevorzugt heimsucht, gehört auch der Balken (Corpus callosum oder Commissura magna), der die beiden Großhirnhemisphären miteinander verbindet. Auf diesem Weg kann sich ein Glioblastom in beide Hirnhälften ausbreiten (Schmetterlings-Glioblastom).

 

Glioblastom: Was bedeutet Grad 4?

Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation, WHO) unterteilt die Tumoren des Zentralen Nervensystems in vier Klassen:

  • WHO Grad 1 sind histologisch gutartige (benigne) Hirntumoren, die man recht gut durch operative Entfernung heilen kann.
  • WHO Grad 2 sind Hirntumoren, die prinzipiell gutartig sind, aber diffus in das umgebende Gewebe (infiltrativ) wachsen. Häufig kehren sie wieder, was man als Rezidiv bezeichnet.
  • WHO Grad 3 sind histologisch bösartige (maligne) Hirntumoren, die die Überlebenszeit reduzieren.
  • WHO Grad 4 sind histologisch extrem bösartige Tumoren, die zu einer deutlichen Verkürzung der Überlebenszeit führen.

Eine solche Klassifikation macht keine weitergehenden Aussagen über weitere relevante Gesichtspunkte wie die Lokalisation des Tumors, sein Ansprechen auf Chemotherapie oder Strahlentherapie oder die Häufigkeit von Rezidiven. Jedoch erlaubt die einfache Strukturierung eine Übersicht über die zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten in Form einer unterstützenden (adjuvanten) Chemotherapie oder Bestrahlung. Gerade bei dem bösartigen Glioblastom Grad 4 kann eine Heilung praktisch ausgeschlossen werden.

 

Glioblastom Grad 4 und Heilung: Wie oft und in welchem Alter tritt diese Form von Krebs auf?

Glioblastome machen 15 – 20 % aller Hirntumoren aus und sind somit die häufigsten intracraniellen (im Schädelinnneren wachsenden) Tumore.

In den meisten Fällen wird ein Glioblastom bei Patienten zwischen dem 45. und dem 70. Lebensjahr festgestellt. Aber auch jüngere Menschen können an einem Glioblastom erkranken. Kinder und Jugendliche leiden eher an dem nahe verwandten Medulloblastom des Kleinhirns, bei dem es sich ebenfalls um ein Gliom handelt.

Männer erkranken doppelt so häufig an einem Glioblastom wie Frauen.

 

Glioblastom Grad 4: Welche Symptome treten auf?

Die Glioblastome führen zu den gleichen Symptomen wie alles andere, was im Gehirn zusätzlichen Platz für sich beansprucht. Dies bezeichnet man medizinisch als Raumforderung.

Jede Raumforderung komprimiert Hirnteile und sorgt so für Störungen in deren Funktion, die man Hirndruckzeichen nennt. Erstes Anzeichen sind zumeist Kopfschmerzen. Es kommt zu neurologischen Ausfällen wie Sprachstörungen, Sehstörungen und motorischen Lähmungserscheinungen (Paresen). Viele Patienten erscheinen desorientiert oder sind leicht reizbar. Letztlich drückt die Raumforderung auch die tiefergelegenen Gehirnteile zusammen, in denen die archaischen Hirnfunktionen wie Gleichgewichtssinn, Atmung und Temperaturregulation beheimatet sind. Dann kommt es zu epileptischen Anfällen, Schwindel und Erbrechen.

 

Diagnose bei Glioblastom Grad 4 zur Heilung

Bei Verdacht auf einen Hirntumor wird fast immer eine Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT), seltener eine Computertomografie (CT) durchgeführt. In den meisten Fällen ist bereits auf diese Weise eine Abgrenzung von einem Schlaganfall (Apoplex) möglich. Für eine Differenzialdiagnose des Glioblastoms in Unterscheidung von anderen Hirntumoren oder Hirnmetastasen außerhalb des Schädels (extracranialer) wachsender Krebsarten macht man eine Positronen-Emissionstomografie (PET) oder Einzelphotonen-Emissions-Computertomografie (SPECT).

Dafür verwendet man Kontrastmittel, das von den verschiedenen Regionen des Glioblastoms unterschiedlich stark aufgenommen wird. Meist findet man eine ringförmige Kontrastmittelanreicherung, in deren Mittel das Signal wesentlich schwächer ausfällt. Hier liegt meist eine Menge abgestorbenes (nekrotisches) Gewebe vor. Die Tumormasse wächst diffus in das umliegende Gewebe ein. Zudem erkennt man um die Geschwulst herum eine Flüssigkeitsansammlung (Ödem).

Wie kommt dieses heterogene Bild zustande? Betrachtet man das bei einer Operation entfernte Gewebe, bietet das Glioblastom ein buntes Bild aus wild wachsendem oder abgestorbenem Gewebe (Nekrosen), Hohlräumen (Zysten) und Einblutungen. Das hat zu der Bezeichnung vielfältiges Glioblastom, Glioblastoma multiforme geführt.

In den meisten Fällen ist das Glioblastom bei Diagnosestellung bereits weit fortgeschritten und hat einen Durchmesser von mehr als zwei Zentimetern.

 

Glioblastom Grad 4: Heilung kaum möglich

Auch wenn bei einem Glioblastom Grad 4 eine Heilung praktisch ausgeschlossen ist, steht die möglichst umfassende operative Entfernung (Komplettresektion) im Vordergrund. Anschließend führt man eine Strahlentherapie und eine Chemotherapie, aktuell meist mit dem Zytostatikum Temozolomid durch. Drei oder vier Tage nach der Operation führt man ein MRT zur Kontrolle des Behandlungserfolges durch.

Meistens tritt das Glioblastom schon nach wenigen Wochen oder Monaten erneut auf. Ein solches Rezidiv versucht man mit einer erneuten Operation, Bestrahlung und Chemotherapie zu behandeln. Letzteres geschieht mit einem anderen Behandlungsprotokoll mit verändertem Zytostatikum, anderen Dosierungen und/oder anderen Zeitintervallen. Im Endstadium, wenn bei einem Glioblastom Grad 4 eine Heilung nicht mehr möglich ist, bleibt nur die palliative Behandlung des Patienten.

 

 

Links: Hilfe für Betroffene und Angehörige

Deutsche Hirntumorhilfe: https://www.hirntumorhilfe.de/hirntumor/tumorarten/glioblastom/

Deutsche Krebshilfe: https://www.krebshilfe.deBroschüre: Gehirntumoren (PDF).

Deutsche Krebsgesellschaft: https://www.krebsgesellschaft.de/

 

Literatur und Quellen

  1. Louis DN, Ohgaki H, Wiestler OD, Cavenee WK, Burger PC, Jouvet A, Scheithauer BW, Kleihues P: The 2007 WHO classification of tumours of the central nervous system. Acta Neuropathol. 2007 Aug;114(2):97-109. Epub 2007 Jul 6. PDF-Dokument.
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  4. Louis DN, Perry A, Reifenberger G, von Deimling A, Figarella-Branger D, Cavenee WK, Ohgaki H, Wiestler OD, Kleihues P, Ellison DW: The 2018 World Health Organization Classification of Tumors of the Central Nervous System: a summary. Acta Neuropathol. 2018 Jun;131(6):803-20. doi: 10.1007/s00401-016-1545-1. Epub 2018 May 9. Review.
  5. Roth P, Weller M: Chemotherapie von Hirntumoren bei Erwachsenen. Nervenarzt. 2018 Apr;86(4):495-505; quiz 506-7. doi: 10.1007/s00115-014-4242-0.
  6. Gulden-Sala, W; Roth, P; Brown, M; Andratschke, N; Weller, M; Stupp, R: Gliome – was ich wissen muss in zehn Fragen. Praxis 2018, 105(6):330-337.
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Dr. rer. medic. Harald Stephan, Doktor der Medizinwissenschaften und Naturwissenschaftler mit medizinischer Promotion. Dieser Artikel entspricht aktuellen wisenschaflichen Standards und medizinischen Leitlinien.