Herzmuskelentzündung – Ablauf, Dauer, Diagnose, Blutwerte und Behandlung

Myokarditis – Die Herzmuskelentzündung

Herzmuskelentzündungen (Myokarditis, Myokarditiden) bezeichnet entzündliche Erkrankungen des Herzmuskels durch die Infektion mit Krankheitserregern, infolge immunologischer Reaktionen oder durch Vergiftungen. Viele Herzmuskelentzündungen verlaufen klinisch unauffällig. Andere führen zu manifesten Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz und schlimmstenfalls zum plötzlichen Herztod. Alle Formen, auch die klinisch unauffälligen, muss man schnellstmöglich behandeln, da der weitere Verlauf nicht absehbar ist. Ausgedehnte Herzmuskelentzündungen hinterlassen Narbengewebe, die die Herztätigkeit beeinflussen und irreparable Schäden zur Folge haben. Als letzte Option bleibt dann nur noch die Herztransplantation.

Herzmuskelentzündung

Viren und Blutzellen Copyright: Crakora bigstockphoto

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Herzmuskelentzündung: Definition

Die WHO bezeichnet die entzündlichen Erkrankungen des Herzmuskels als inflammatorische Kardiomyopathie. Für diese kommt eine ganze Reihe von Ursachen in Frage. Die Schädigung des Herzmuskels durch Nekrosen infolge der Entzündungsreaktion führt zu Narbenbildung und Funktionseinschränkung. Die Hauptkammern erweitern sich stark (Dilatation). Normalerweise erfordert die gesteigerte Herzfüllung am Ende der Diastole eine stärkere Kontraktion des Herzmuskels, um das Blut austreiben zu können. Dieser Kompensationsmechanismus (Frank-Starling-Mechanismus) ist bei einer Myokarditis nicht mehr möglich.

Ist außer dem Herzmuskel auch der Herzbeutel entzündet, spricht man von einer Perimyokarditis. Dehnt sich die Erkrankung zusätzlich auf das Endokard und somit auf alle Schichten der Herzwand aus bezeichnet man dies als Pankarditis.

 

Formen und Ursachen der Herzmuskelentzündung

Die einfachste Unterteilung der Herzmuskelentzündungen erfolgt nach der Verlaufsform:

  • akute Herzmuskelentzündungen und
  • chronische Herzmuskelentzündungen.

Gerade die chronischen Verlaufsformen sind meist unauffällig und zeigen nur wenige, unspezifische Symptome.

Darüber hinaus lassen sich Herzmuskelentzündungen durch die Infektion mit pathogenen Erregern von solchen mit nicht-infektiöser Ursache unterscheiden. Letztere sind immunvermittelt oder toxisch verursacht.

  • Infektiöse Herzmuskelentzündung. In allen Gruppen von Krankheitserregern gibt es auch solche, die den Herzmuskel befallen und schädigen können.
    • Viren sind eine der häufigsten Ursachen für Herzmuskelentzündungen. Auslöser sind
      • Coxsackievirus A, B
      • Adenoviren
      • Enteroviren
      • Echoviren
      • Hepatitisvirus B
      • Eppstein-Barr-Virus (EBV)
      • Zytomegalievirus (HCMV)
      • Herpesviren
      • HIV
      • Masern
      • Mumps
      • Röteln
      • Windpocken
      • Kinderlähmung
      • Tollwut
    • Bakterien sind die zweite Hauptursache von Herzmuskelentzündungen:
      • Streptococcus (bei Scharlach, rheumatischem Fieber)
      • Meningokokken (bakterielle Hirnhautentzündung)
      • Staphylokokken
      • Gonokokken
      • Salmonellen
      • Corynebacter (bei Diphtherie)
      • Clostridium
      • Tuberkulose
      • Psittakose (Papageienkrankheit)
      • Legionellen
      • Haemophilus
      • Brucella
      • Rickettsia rickettsii
      • Coxiella burnetti
      • Borrelien
      • Leptospira
      • Treponema pallidum (Syphilis)
    • Parasitische Würmer
      • Fadenwürmer (Trichinen)
      • Spulwürmer (Ascariden)
      • Bandwürmer (Echinococcus, Taenia)
      • Schistosoma (Bilharziose)
    • Einzeller
      • Toxoplasma gondii (Toxoplasmose)
      • Trypanosoma cruzi (Chagas-Krankheit)
    • Pilze treten vor allem bei immunsupprimierten Patienten nach Organtransplantationen oder mit HIV auf
      • Candida
      • Aspergillus
      • Cryptococcus
    • Nicht-infektiöse Herzmuskelentzündung
      • Immunvermittelte Herzmuskelentzündungen durch Autoimmunerkrankungen

        • Lupus erythematodes (SLE)
        • Morbus Crohn
        • Kawasaki-Syndron
        • Sklerodermie
        • Sarkoidose
      • Toxische Herzmuskelentzündungen
        • Schwermetallvergiftungen (Eisen, Blei, Kupfer, Arsen)
        • Medikamentenüberempfindlichkeit (Penicillin, Cephalosporine, Sulfonamide, Katecholamine)
        • Tiergifte (Skorpione, Insekten- und Schlangenbisse)
        • Drogen (Kokain)
        • Alkohol
        • Kohlenmonoxid
Herzmuskelentzündung

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Herzmuskelentzündungen Symptome und Verlauf

Herzmuskelentzündungen können praktisch ohne Symptome auftreten. Seltener zeigen sie einen fulminanten Verlauf, der mit kardiogenem Schock und Tod endet. Die Symptome sind die einer akuten Herzinsuffizienz, vielfach mit Herzrhythmusstörungen als Leitsymptom. Die Anzeichen für klinisch manifeste Herzmuskelentzündungen sind nicht besonders spezifisch und können auch andere Herzerkrankungen als Ursache haben. Vielfach erinnern sie an Erkältungssymptome und werden daher nicht erkannt.

  • Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Leistungsschwäche
  • blasse Hautfarbe und kalte Extremitäten
  • Fieber oder Untertemperatur
  • Herzrhythmusstörungen, vor allem beschleunigter Herzschlag (Tachykardie) mit Extrasystolen
  • beschleunigte Atmung (Tachypnoe) oder Atemnot (Dyspnoe)
  • Schmerzen in der Brust als Folge einer verminderten Durchblutung des Herzmuskels oder einer begleitenden Herzbeutelentzündung (Perikarditis)
  • Blutdruckabfall (Hypotonie)
  • verminderte Harnausscheidung (Oligurie)
  • Leberschwellung
  • Milzvergrößerung
  • Ödembildungen, vor allem in den Beinen.

 

Ein tödlicher Verlauf ist sehr selten und tritt vor allem bei Sportlern auf. Wird die Krankheit nicht diagnostiziert und trotzdem Leistungssport mit extremer körperlicher Belastung betrieben, kann die Überbeanspruchung des Herzens zu plötzlichem Herztod führen.

Im fortgeschrittenen Stadium chronischer Herzmuskelentzündungen bleibt oft eine Herztransplantation als letzter Ausweg.

 

Herzmuskelentzündungen Diagnose

Wenn der Hausarzt den begründeten Verdacht auf eine Myokarditis hat, überweist er den Patienten an einen Herzspezialisten (Kardiologen).

Die körperliche Untersuchung mit dem Stethoskop (Auskultation) gibt erste Hinweise auf Herzmuskelentzündungen. Die Herzgeräusche sind beispielsweise bei einer Mitralklappeninsuffizienz verändert. Liegt in der Lunge eine Ödembildung vor, ist das als Rasselgeräusch hörbar.

Ein Elektrokardiogramm (EKG) zeigt Herzrhythmusstörungen an, vor allem Extrasystolen und beschleunigten Herzschlag (Tachykardie). Diese sind jedoch nicht spezifisch. Neu und plötzlich auftretende tachykarde Herzrhythmusstörungen sollten weitere Untersuchungen auf eine Myokarditis als Ursache nach sich ziehen.

 

Blutwerte bei einer Herzmuskelentzündung

Bei der Blutuntersuchung findet man eine Reihe von Veränderungen, die ebenfalls nicht spezifisch sind und auch bei anderen Herzerkrankungen auftreten.

  • erhöhte Entzündungswerte (C-reaktives Protein CRP, Blutsenkungsgeschwindigkeit BSG)
  • verminderte Anzahl der roten Blutkörperchen (Anämie)
  • erhöhte Anzahl der Lymphozyten (Lymphozytose)
  • verminderte Zahl der neutrophilen Granulozyten (Neutropenie)
  • Anstieg der Herzenzyme durch die Herzmuskelschädigung: CK-MB, LDH, Troponin I
  • bei Leberschädigung Anstieg der Transaminasen
  • bei Nierenschädigung Anstieg von Kreatinin und Harnstoff

Bei der Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiographie) findet man einen erweiterten linken Ventrikel vor, der nur unzureichend kontrahiert. Eventuell lässt sich eine Insuffizienz der Mitralklappen und der Trikuspidalklappen oder ein Perikarderguss feststellen.

Im Röntgen-Thorax ist das dilatativ vergrößerte Herz sichtbar, wie auch eine Stauung in der Lunge oder ein Lungenödem.

Eine Herzkathederuntersuchung dient in erster Linie der Entnahme einer Biopsie des Herzmuskelgewebes (Endomyokardbiopsie) aus dem rechten Ventrikelseptum. Die histologische und immunhistochemische Untersuchung einer solchen Biopsie gilt als Goldstandard für die Sicherung der Diagnose Herzmuskelentzündung, da man nur so die Ursache (Bakterien, Viren, Autoimmunerkrankungen) gesichert feststellen kann.

Mit einer Koronarangiographie kann man eine koronare Herzkrankheit als Ursache der Beschwerden ausschließen.

Gegebenenfalls gibt eine Kernspintomographie (Kardio-MRT) Auskunft über Lage und Ausmaß der Herzmuskelentzündungen.

Elektrokardiogramm (EKG)

Bradykarde Herzrhythmusstörungen im EKG – Copyright: MalkovKosta , bigstockphoto -Untersuchung –

 

Herzmuskelentzündungen Behandlung

Bei Verdacht auf akute Herzmuskelentzündung sollten Patienten stationär aufgenommen werden und strikte Bettruhe einhalten. Im Krankenhaus findet eine laufende EKG-Überwachung statt. Die Behandlung beinhaltet folgende Maßnahmen:

  • Behandlung der Herzinsuffizienz. Diese erfolgt mit Diuretika, Betablockern, ACE-Hemmern und gegebenenfalls mit Katecholaminen wie Dobutamin.
  • Behandlung der Herzrhythmusstörungen. Arrhythmien verschlechtern den Zustand des Patienten deutlich und müssen daher vorsichtig therapiert werden. Meistens geschieht dies mit speziellen Antiarrhythmika wie Amiodaron.
  • Immunsuppressive Therapie bei gesicherten Autoimmunerkrankungen als Krankheitsursache. Hierfür werden Immunglobuline, Interferon-α oder Glukokortikoide verwendet. Teilweise sind diese Anwendungen noch experimentell und ihr Erfolg noch nicht wissenschaftlich gesichert.
  • Spezifische Therapien bei infektiösen Herzmuskelentzündungen. Sind Krankheitserreger die Ursache der Herzmuskelentzündungen, müssen diese mit entsprechenden therapeutischen Maßnahmen bekämpft werden: Bakterien mit Antibiotika, Viren mit Virostatika, Pilze mit Antimykotika.

Auch nach der Akutphase sollte sich ein Patient noch eine Weile schonen, um einen Rückfall zu verhindern und das folgenlose Ausheilen der Erkrankung sicherzustellen. Ansonsten sind bleibende Schäden nicht auszuschließen.

Bei über der Hälfte der Patienten mit Herzmuskelentzündungen heilt die Krankheit vollständig aus. Die übrigen behalten Funktionsstörungen verschiedenen Ausmaßes zurück, da einmal eingetretene Schäden am Herzen nicht mehr reversibel sind.

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Wenn sich die linksventrikuläre Funktion nicht bessert und die dilative Kardiomyopathie bedrohliche Ausmaße annimmt, verbleibt als letzter Ausweg oft nur eine Herztransplantation.

 

Literatur:

  1. Gerd Herold: Innere Medizin. Köln: G. Herold Verlag (2016). ISBN-10: 3981466063
  2. Wolfgang Piper: Innere Medizin. 2. Auflage. Stuttgart: Springer-Verlag (2012). ISBN-10: 3642331076.
  3. Nikolaus A Haas, Ulrich Kleideiter: Kinderkardiologie: Klinik und Praxis der Herzerkrankungen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. 1. Auflage. Stuttgart: Georg Thieme Verlag (2011). ISBN-10: 3131490012.

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Autorenprofil

Dr. Harald Stephan, Wissenschaft-/ Fachautor

Dr. rer. medic. Harald Stephan, Wissenschaft-/ Fachautor, Er ist Naturwissenschaftler mit medizinischer Promotion. Autor medizinischer Themen im Blutbild & Diagnostik Gesundheitsmagazin "Großes Blutbild".


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