AkanthozytenAkanthozyten sind eine Sonderform der Erythrozyten, die durch unregelmäßig auf der Zelloberfläche verteilte Ausziehungen der Zellmembran gekennzeichnet sind. Bei gesunden Personen findet man diese Zellform niemals, sodass ihr Vorliegen immer auf eine Erkrankung hindeutet. Klinisch am häufigsten findet man sie infolge von Alkoholmißbrauch, aber auch bei einigen Erbkrankheiten.

Akanthozyten

Was sind Akanthozyten?

Der Name leitet sich vom griechischen ὁ ἄκανθος ho akanthos, der Dornige ab. Akanthus ist ein Distelgewächs, das mit seinen charakteristischen Blättern seit der Antike als Vorlage für das namensgebende Ornament dient. Rote Blutkörperchen mit unregelmäßig auf der Membran verteilten, zapfenförmigen Randzacken bezeichnete man entsprechend als Akanthuszellen oder Akanthozyten. Im englischen Sprachraum spricht man von acanthocytes oder spur cells.

Das Wichtigste auf einen Blick!

  1. Akanthozyten sind Erythrozyten, bei denen Ausziehungen unregelmäßig auf der Zelloberfläche verteilt sind.
  2. Sie sind immer pathologisch und kommen bei Gesunden niemals vor.
  3. Ursache ist eine vermehrte Einlagerung von Cholesterin in die äußere Schicht der Zellmembran.
  4. Akanthozyten finden sich bei verschiedenen Lebererkrankungen, insbesondere bei Alkoholismus.
  5. Weiter Ursachen sind seltene Erbkrankheiten wie Neuroakanthosen oder das Bassen-Kornzweig-Syndrom.

Akanthozyten

Unterschied zwischen Echinozyten und Akanthozyten

Der deutsche Begriff Stachelzellen muss von den Stechapfelformen (Echinozyten) abgegrenzt werden, bei denen es sich um Trocknungsartefakte im Blutausstrich handelt und die im Gegensatz zu Akanthozyten keinerlei diagnostischen Wert haben.

Im mikroskopischen Bild sind beide nicht immer leicht zu unterscheiden. Man erkennt einen Akanthozyten daran, dass die Zellausläufer eher rundlich und unregelmäßig verteilt sind, wohingegen diese bei Stechapfelformen spitz wie bei einem Morgenstern sind, dicht an dicht stehen und gleichmäßig über die Zelloberfläche verteilt erscheinen.

Daher dürfen bei einem Blutausstrich Regionen, in denen nur Stechapfelformen vorliegen, nicht mikroskopisch ausgewertet werden. Hier ist der Ausstrich zu langsam getrocknet, sodass die roten Blutkörperchen Zeit hatten, durch den Wasserverlust entsprechende Strukturen auszubilden. Ähnliche Formen entstehen durch den Wasserentzug in hypotonen Lösungen.

Wie entstehen Akanthozyten?

Die Membran der Erythrozyten besteht wie alle Zellmembranen aus zwei Schichten (Layern). Dabei handelt es sich um Lipidverbindungen wie Cholesterin, die aus einem wasserliebenden (hydrophilen oder lipophoben) und einem wasserabstossenden (hydrophoben oder lipophilen) Teil bestehen. In einer wäßrigen Lösung bilden diese Moleküle Aggregate, ganz ähnlich wie die Fettaugen auf einer Suppe: An kleinsten sind Mizellen, wie man sie aus der Kosmetikwerbung kennt und bei der die lipophilen Anteile sich innen zusammenlagern und dem Wasser draußen ihre hydrophilen Teil zuwenden.

Mit zunehmender Größe werden daraus kugelige Gebilde und letztlich biologische Membranen mit Wasser im Inneren und auf der Außenseite. In solchen Membranen bilden die Lipide eine Doppelschicht, bei der sich die hydrophoben Anteile aneinanderliegen und die hydrophilen innen und außen.

Die beiden Schichten der Membran sind auf submikrokopischer Ebene unterschiedlich strukturiert und äußert variable Gebilde. Wird in die äußere Schicht beispielsweise vermehrt Cholesterin eingelagert, muss das im inneren Layer noch lange nicht ebenso der Fall sein. Als Resultat einer solchen vermehrten Einlagerung wird der äußere Layer größer als der innere und hebt sich in beulen- oder stachelförmigen Auswüchsen ab – ein Akanthozyt entsteht. Das ist vor allem der Fall, wenn hohe Mengen Cholesterin im Blutplasma vorliegen.

Wie stellt man Akanthozyten fest?

Bei einem Blutbild von Blutproben aus der Armvene eines Patienten lassen sich Akanthozyten mitunter schwer von anderen Varianten wie Stechapfelformen und Schistozyten oder Fragmentozyten unterscheiden. Das gilt insbesondere für die automatisierte Messung in Hämatoanalyzern. Bei Geräten nach dem Impedanz-Meßprinzip sind sie wegen ihrer geringeren Größe oft kaum von Thrombozyten zu unterscheiden.

Daher ist die sicherste Methode zum Nachweis von Akanthozyten immer noch die mikroskopische Begutachtung. Hierfür verwendet man meistens einen Blutausstrich. Darin lassen sie sich wesentlich leichter identifizieren, wenn man das Blut zuvor mit physiologischer Kochsalzlösung verdünnt.

Einen Sonderfall stellen Akanthozyten im Urinsediment dar – hiervon lässt sich kein brauchbarer Ausstrich herstellen, sodass man stattdessen ein Mikroskop mit Phasenkontrast verwendet. Findet man hier Akanthozyten, spricht man von einer Akanthozyturie (Akanthozyten im Urin).

Was bedeuten Akanthozyten im Blut?

Nierenerkrankungen

Akanthozyten deuten immer auf eine Erkrankung hin. Zeigt die Phasenkontrast-Untersuchung des Urinsediments mehr als 5 Prozent der Erythrozyten als Akanthozyten, ist das ein sicherer Hinweis auf eine Glomerulonephritis.

Lebererkrankungen

Die Lipide der Erythrozytenmembran werden in der Leber produziert. Daher können Erkrankungen der Leber zur Bildung von Akanthozyten führen. Am häufigsten ist das infolge Alkoholismus, etwa beim Zieve-Syndrom auf, das durch eine Trias aus Hyperlipidmie, hämolytischer Anämie und einem Leberschaden mit Gelbsucht gekennzeichnet ist.

Selten ist eine Abetalipoproteinämie (Bassen-Kornzweig-Syndrom). Dabei handelt es sich um eine seltene autosomal-rezessiven Erbkrankheit, bei der das mikrosomale Triglycerid-Transferprotein (MTTP) mutiert ist. Als Folge davon sind die Lipoproteine im Blut stark erniedrigt (VLDL, LDL, IDL). Neben Akanthozyten im Blut kommt es zu geistiger Retardierung, Kleinwuchs und Verkrümmungen der Wirbelsäule.

Neuroakanthosen

Neuroakanthosen zeichnen sich durch Akanthozyten im Blut, gestörte Bewegungsabläufe (Dyskinesien) und Demenz aus. Sie tritt bei der Chorea Huntington-ähnlichen Huntington’s Disease-like 2-Erkrankung und dem McLeod-Syndrom auf.

Weitere Erkrankungen

Darüber hinaus finden sich Akanthozyten bei Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose), nach Milzentfernung (Splenektomie), Myelodysplasien, septischer Granulomatose und Pyknozytose.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

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Dr. rer. medic. Harald Stephan, Doktor der Medizinwissenschaften und Naturwissenschaftler mit medizinischer Promotion. Dieser Artikel entspricht aktuellen wisenschaflichen Standards und medizinischen Leitlinien.
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