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Als Stomatozyten bezeichnet man Erythrozyten, die anstelle einer runden zentralen Aufhellung einen hellen Schlitz in ihrer Mitte aufweisen. Sie entstehen durch Veränderungen der Membran und Elektrolytverschiebungen in den Zellen. In geringer Zahl treten sie auch bei gesunden Menschen auf, größere Mengen finden sich bei Alkoholmissbrauch oder der seltenen Erbkrankheit Stomatozytose.

Stomatozyten
Stomatozyten, vereinfachte Grafik

Was sind Stomatozyten?

Normale Erythrozyten sind scheibenförmig mit einer beidseitigen Eindellung in der Mitte. Das führt dazu, dass sie in einem gefärbten Blutausstrich als rosafarbener Ring mit zentraler Aufhellung erscheinen. Dagegen ist bei Stomatozyten die hellere Stelle in der Mitte nicht rundlich, sondern schlitzartig und erinnert an einen Mund – daher der Name (stoma, griechisch für Mund).

Betrachtet man lebende Stomatozyten in vivo im Phasenkontrast- oder Dunkelfeld-Mikroskop, erkennt man napf- oder schüsselförmige Zellen. Physiologisch sind diese nicht ungewöhnlich – müssen Erythrozyten Engstellen wie die Kapillarsysteme durchqueren, verformen sie sich und bilden ähnliche Strukturen. Zusammen mit der Geldrollenbildung sind sie zudem wichtig für den Wundverschluss. Davon abgesehen finden sich in Blutausstrichen gesunder Patienten bis zu drei Prozent Stomatozyten.

Das Wichtigste auf einen Blick

  1. Stomatozyten sind Erythrozyten mit einer schlitzförmigen Aufhellung in der Mitte.
  2. Sie treten in geringer Zahl im Blutausstrich gesunder Menschen auf und entstehen physiologisch bei der Passage von Kapillaren.
  3. Findet man in einem Blutausstrich größere Mengen an Stomatozyten, deutet das auf eine Erkrankung hin.
  4. Die häufigste Ursache für die Bildung von Stomatozyten ist Alkoholismus, der die Leber schädigt und die Membranstruktur der roten Blutkörperchen verändert.
  5. Wesentlich seltener ist eine Erbkrankheit, die hereditäre Stomatozytose.

Wie entstehen Stomatozyten?

Bei Stomatozyten ist die Zellmembran der Eryhrozyten verändert. Dadurch wird sie vermehrt durchlässig für die monovalenten Natrium- und Kaliumionen bei gleichzeitig normaler Durchlässigkeit für divalente Kationen und Anionen. In der Folge strömen vermehrt Natrium, Kalium und Wasser in die Zellen, und es bilden sich die typischen napfförmigen Zellen. Zugleich sind der MCV-Wert im Blutbild erhöht und die MCHC verringert.

Stomatozyten reagieren empfindlicher auf Verformungen und osmotische Veränderungen als normozytäre Erythrozyten. Das liegt unter anderem an ihrem Gehalt an der Energiewährung ATP (Adenosintriphosphat): Je mehr ATP im Zytoplasma vorhanden ist, desto größer ist ihre Verformbarkeit. Wie viel ATP in den Zellen vorhanden ist, hängt wiederum vom Phosphatgehalt des Blutserums ab. Vermindertes Serumphosphat in Form einer Hypophosphatämie macht die Erythrozyten starr und weniger elastisch.

Das führt zu einer gesteigerten Auflösung der roten Blutkörperchen, einer Hämolyse. In der Folge kommt es zu einer Blutarmut, die man als hämolytische Anämie bezeichnet.

Erworbene Stomatozytose

Vermehrt auftretende Stomatozyten bezeichnet man als Stomatozytose. In den meisten Fällen handelt es sich um erworbene Formen, bei denen die Erythrozytenmembran verändert ist. Klinisch am häufigsten ist eine erworbene oder sekundäre Stomatozytose mit gehäuft erscheinenden Stomatozyten infolge von übermäßigem Alkoholgenuss und dadurch ausgelösten Lebererkrankungen. Sie führen zu einer vorübergehenden hämolytischen Anämie, die sich innerhalb von zwei Wochen nach Alkoholkarenz bessert. Ursache für die Bildung von Stomatozyten ist eine vermehrte Einlagerung von Lysolecithin in den innere Layer der Erythrozytenmembran.

Zu einer Stomatozytose kommt es auch bei der Behandlung mit den Neuroleptikum Chlorpromazin und den Zytostatika Hydroxyharnstoff und Cyclophosphamid. Sie lagern sich ebenfalls in den inneren Teil der Zellmembran ein und dehnen diese gegenüber dem äußeren Anteil, sodass die typische Form entsteht.

Hereditäre Stomatozytose

Bei der hereditären Stomatozytose liegen 10 – 30 Prozent der Erythrozyten eines Blutausstriches als Stomatozyten vor. Die Erbkrankheit zählt zu den hämolytischen Anämien, bei denen es durch die Auflösung roter Blutkörperchen zu einer Blutarmut mit Sauerstoffmangel und daraus resultierender schneller Erschöpfung kommt.

Die Erkrankung wird autosomal-dominant weitergegeben und macht sich bereits im frühen Kindesalter bemerkbar. Rund ein Viertel der im peripheren Blut zirkulierenden Erythrozyten sind napfförmig verändert.

Falschpositive Ergebnisse

Bei der Auswertung eines Blutausstriches treten Stomatozyten selten auf. Eine wesentlich größere Rolle spielen sie als Artefakt. Wird das Blut zu dick ausgestrichen, finden sich ähnliche Strukturen. Daher ist es bei der mikroskopischen Auswertung notwendig, nur Bereiche des Ausstriches zu betrachten, in denen die Zellen weitestgehend vereinzelt vorliegen.

Behandlung der Stomatozytose

Schwere Formen der Stomatozytose müssen behandelt werden, sobald der Hämoglobinwert unter die kritische Grenze sinkt. Dazu verwendet man Bluttransfusionen, die für frische rote Blutkörperchen sorgen.

Früher behandelte man Patienten mit fortgeschrittener Stomatozytose durch Entfernung der Milz (Splenektomie). Die Milz ist ein wichtiges Organ für das Aussortieren starr gewordener Erythrozyten. Normalerweise betrifft das überalterte rote Blutkörperchen, bei einer Stomatozytose aber auch einen wesentlichen Anteil der sauerstofftransportierenden Zellen. Fällt diese Aussortierung weg, haben die Stomatozyten eine höhere Lebensdauer. Allerdings leiden splenektomierte Patienten in fortgeschrittenem Lebensalter häufiger an Thromboembolien, die tödlich enden können.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

  • Barbara J. Bain, Dieter Huhn, Andreas Kage: Roche Grundkurs Hämatologische Morphologie. 1. Auflage. Stuttgart 1997: Thieme-Verlag. ISBN-10: 3131376511.
  • Karl-Anton Kreuzner, Barbara J. Bain: Das Blutbild: Diagnostische Methoden und klinische Interpretation. Berlin 2017: de Gruyter-Verlag. ISBN-10: 9783110442151
  • Mathias Freund: Praktikum der mikroskopischen Hämatologie. 11. Auflage. Göttingen 2008: Urban & Fischer/Elsevier-Verlag. ISBN-10: 3437450395.
  • Charlotte Niemeyer, Angelika Eggert (Hrsg.): Pädiatrische Hämatologie und Onkologie. 2. Auflage. Heidelberg 2018: Springer-Verlag. ISBN: 978-3-662-43685-1.
  • Helmut Gadner, Gerhard Gaedicke, Charlotte Niemeyer, Jörg Ritter (Hrsg.): Pädiatrische Hämatologie und Onkologie. Heidelberg 2006: Springer-Verlag. ISBN-10: 3540037020.
  • www.mta-dialog.de/artikel/stomatozyt-der-ueberwaesserte-erythrozyt.html
Hinweis für die Leser

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Verantwortliche Autorin: Anna Nilsson, Journalistin und Medizinautorin seit 2001 mitwirkende Autorin, entsprechen ihre Inhalte dem aktuellen medizinischen Wissensstand und begründen sich auf ärztliche Fachliteratur.