Ablauf, Nebenwirkungen und Wissen zur Chemotherapie bei Morbus Hodgkin

Eine Chemotherapie ist besonders für Betroffene, aber auch für die Angehörigen des Betroffenen sehr belastend. Gerade hat man die sehr schwere Diagnose Morbus Hodgkin, eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems, erhalten, so wird geraten, schnellstmöglich mit einer Chemotherapie zu beginnen.

Der Schock, dass man selbst eine solch schwere Erkrankung erleidet, sitzt tief und ist noch gar nicht richtig verarbeitet.

Vermutlich hat man es auch noch nicht geschafft, alle Freunde und Verwandte sowie Familienmitglieder und andere nahe Angehörige zu informieren.

Chemotherapie bei Morbus Hodgkin
Chemotherapie Copyright: sudok1 bigstockphoto

Chemotherapie

Im Krankenhaus beginnt die Chemotherapie, die den Startschuss einleitet im Kampf gegen den Krebs. Bevor man den Grund der Chemotherapie überhaupt psychisch verarbeitet hat, beschäftigt man sich bereits mit dem Ablauf der Behandlung.

Wie genau funktioniert eigentlich die Chemotherapie? Welches Medikament bekommt man eigentlich genau und was bewirkt es im Körper? Welche Besonderheiten gibt es? Welche Fragen sind klug, zu stellen und welche Antworten könnte man bekommen, denn: Möchte man wirklich alles wissen?

Morbus Hodgkin und Chemotherapie – Faktenblock

  • Bei Morbus Hodgkin ist Chemotherapie das Behandlungsmittel der Wahl; andere Behandlungsmethoden gibt es aus schulmedizinischer Sicht bisher nicht
  • Bevor es mit der Chemotherapie losgeht, wird das Behandlungsstadium von Morbus Hodgkin bestimmt
  • Morbus Hodgkin wird weltweit nicht einheitlich nach der gleichen Chemotherapiemethode behandelt
  • Die Chemotherapie wird meist ambulant durch einen normalen Venenzugang oder durch einen Port, der im Vorfeld operativ eingesetzt wird, verabreicht.
  • Eine Chemotherapiegabe dauert meist einige Stunden

 

Morbus Hodgkin und Chemotherapie – Behandlungsgrund

Ist man an Morbus Hodgkin erkrankt gibt es in der Schulmedizin keine Alternativen: Um eine Chemotherapie kommen Betroffene nicht herum. Unbehandelt führt die bösartige Erkrankung je nach Ausprägung und Krankheitsfortschritt binnen weniger Woche oder Monate zum Tode.

Die bösartig entarteten Lymphknoten wachsen ohne eine entsprechende Behandlung immer weiter, benötigen mehr Platz, engen zuerst die Organe und Blutgefäße ein und drücken sie letztendlich ab.

Welche Chemotherapie angewendet wird und wie erfolgsversprechend diese ist, hängt stark von Ausbreitung und Krankheitsstadium ab: Befindet sich Morbus Hodgkin erst am Anfang (Stadium I) ist die Therapie weitaus „harmloser“ als bei weitem Fortschritt (Stadium IV).

Die Behandlung von Morbus Hodgkin sieht eine Chemotherapie und gegebenenfalls eine Strahlenbehandlung vor. Dies ist aus schulmedizinischer Sicht bei dieser schwerwiegenden Diagnose bisher alternativlos.

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Chemotherapie ist bei vielen Krebserkrankungen das Mittel der Wahl und verspricht den größten Behandlungserfolg. Dies liegt vor allem in der Beschaffenheit der Erkrankung: Morbus Hodgkin ist kein Organkrebs, den man mittels Operation entfernen kann, sondern ein sogenannter Systemkrebs.

Er befällt das lymphatische System des Körpers. Die Chemotherapie wirkt auch im „System“ daher lassen sich bei Morbus Hodgkin unter Chemotherapie gute Behandlungserfolge erzielen. Trotz starker Nebenwirkungen und der Gefahr für Spätfolgen ist die Chemotherapie nicht als „optional“ zu betrachten, möchte man der Krankheit die Stirn bieten.

Morbus Hodgkin und Chemotherapie – Welche Chemotherapie ist notwendig

Die Diagnose ist gestellt, doch bevor es mit der Behandlung und Therapie der Krankheit losgeht, wird im Vorfeld das Krankheitsstadium bestimmt.

Die Bestimmung beschreibt den Fortschritt sowie die Ausprägung der Krankheit. Vier unterschiedliche Stadien beschreiben, wie weit der Krebs ins lymphatische System vorgedrungen ist:

  1. Stadium I: Befall eines einzelnen Lymphknotens (einzig lokalisierter extranodaler Herd) oder einer einzelnen Lymphknotenregion
  2. Stadium II: Auf einer Seite des Zwerchfells sind zwei oder mehr Lymphknotenregionen befallen. Weitere lokalisierte extranodale Herde können zusätzlich hinzu kommen, befinden sich aber auch nur auf einer Seite des Zwechfells.
  3. Stadium III: Beide Seiten des Zwerchfells zeigen zwei oder mehr befallene Lymphknotenregionen oder lokalisierte extranodale Herde konnten auf beiden Seiten des Zwerchfells nachgewiesen werden.
  4. Stadium IV: Verbreiteter Befall von sogenannten extralymphatischen Organen (zum Beispiel Leber, Lunge oder Knochenmark) mit und ohne zusätzlichem Befall der Lymphknoten

Weitere Erkrankungsmerkmale kommen zusätzlich zum Erkrankungsstadium hinzu:

  • A: Der Betroffene weist keinerlei Allgemeinsymptome wie Fieber, Nachtschweiß oder Gewichtsverlust auf
  • B: Die sogenannten B-Symptome beschreiben die klassischen Allgemeinsymptome wie unklares Fieber, Gewichtsverlust oder Nachtschweiß
  • S: Die Milz ist befallen
  • E: Es sind weitere Organe außerhalb von Milz und Lymphknoten befallen
  • X: Eine größere Tumormasse konnte nachgewiesen werden. Bei Erwachsenen muss diese größer als 10 Zentimeter sein.

Sind Stadium und Erkrankungsmerkmale erfasst, beginnt die Therapie nach aktuellen Studien der GHSG (=German Hodgkin Study Group).

Die German Hodgkin Study Group erforscht seit 1978 Morbus Hodgkin sowie die Therapiemöglichkeiten. Ziel der Studien der German Hodgkin Study Group ist zu großen Teilen die Verringerung der Nebenwirkungen der Therapie und Behandlung.

Morbus Hodgkin und Chemotherapie – Welche Unterschiede und Besonderheiten gibt es?

Je nach Erkrankungsstadium und Besonderheiten erfolgt ein anderer Therapieansatz. Daher ist eine pauschalisierte Beschreibung der Behandlungsmöglichkeiten nur schwer möglich.
Bei der Chemotherapie gibt es unterschiedliche Schemata, die sich an dem Erkrankungsstadium und den Besonderheiten orientieren:

1. ABVD-Schema:
Das ABVD-Schema eignet sich für Betroffene, die älter als 60 Jahre sind sowie für frühe Erkrankungsstadien. Die Chemotherapie nach dem ABVD-Schema ist ambulant möglich, es erfolgt eine Medikamentengabe mittels Infusion an Tag eins und 15. Von Tag zwei bis 14 hat der Betroffene die Möglichkeit, sich zu erholen. Nach dem ersten Behandlungszyklus folgt ein weiterer. Chemotherapie nach dem ABVD-Schema ist gut verträglich. Größere Einbrüche und Schwankungen im Blutbild sind erstmal nicht zu erwarten.

2. BEACOPP-Schema:
Das BEACOPP-Schema wird bei fortgeschrittenen Erkrankungen mit Morbus Hodgkin eingesetzt. Hier werden zwei unterschiedliche Chemotherapien bei Morbus Hodgkin unterschieden: BEACOPP basis sowie BEACOPP eskaliert.
Ein Behandlungszyklus bei Morbus Hodgkin Chemotherapie beträgt hier 21 Tage. Lediglich Tag 15 bis 21 dienen hier zu Erholung, da keine Medikamente verabreicht werden. Ist der Betroffene stabil, findet die Behandlung ambulant statt und er kann nach Medikamentengabe wieder in das gewohnte Umfeld. Wird zusätzlich Kortison verabreicht, ist auch die BEACOPP-Schema-Chemotherapie für den Betroffenen erträglich. Beim BEACOPP-Schema sind meist starke Veränderungen im Blutbild des Betroffenen zu erkennen. Durch den starken Abfall von Leukozyten (weiße Blutkörperchen) ist das Immunsystem stark geschwächt, was Betroffene besonders anfällig für Infektionen aller Art macht.

3. BrECADD-Schema
Das BrECADD-Schema ist eine Chemotherapiemethode für Morbus Hodgkin-Betroffene mit einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium. Es wird von der German Hodgkin Study Group erforscht und könnte bei Erfolg das BEACOPP-Schema ersetzen. Grund hierfür ist eine bessere Verträglichkeit sowie eine noch spezieller auf die Krankheit ausgerichtete Medikamentengabe.
Auch die Chemotherapie nach dem BrECADD-Schema dauert 21 Tage je Behandlungszyklus.

Gut zu wissen: Morbus Hodgkin wird weltweit nicht einheitlich behandelt.

In anderen Ländern kommt vorerst eine Chemotherapie ABVD-Schema zum Tragen. Die anderen Schemata werden entweder bei Nicht-anschlagen oder erst bei einem Krankheitsrückfall, dem sogenannten Rezidiv, angewandt.

Morbus Hodgkin und Chemotherapie Ablauf

Bevor Betroffene mit der Chemotherapie beginnen stellt sich die Frage, ob diese durch einen normalen Venenkatheter verabreicht werden soll, oder ob ein Portzugang in einer kleinen OP gelegt werden soll.

Eine Port-OP wird meist in örtlicher Betäubung durchgeführt. Dabei wird dem Betroffenen ein kleiner Metallkörper unter das Schlüsselbein gesetzt.

Dieser Metallkörper ist mit einem Schlauch verbunden, der direkt in die Hauptvene bis kurz vor die Herzkammer führt. Direkt nach der OP kann der Port für die Medikamentengabe genutzt werden.

Lediglich ein kleiner Schnitt erinnert an den operativen Eingriff. Der große Vorteil des Ports ist es, dass nicht bei jeder Chemotherapiegabe ein neuer Venenzugang gelegt werden muss. Gerade bei längeren Behandlungszyklen ist es angenehmer, einen Port zu haben, der kurz angestochen wird.

Die Medikamente der Chemotherapie werden durch den Port nahe des Herzens direkt im gesamten Körper gleichzeitig verteilt.

Der Venenkatheter kann nach der Medikamentengabe zwar wieder entfernt werden, bringt aber das Risiko der durchstochenen Vene mit sich, was zur Folge hat, dass die Medikamente nicht über die Blutbahn verteilt und vom Körper aufgenommen werden.

Beginnt die Chemotherapie können Betroffene damit rechnen, dass die Gabe der Medikamente mehrere Stunden in Anspruch nimmt (meist ein halber Tag). Die Medikamente der Chemotherapie werden nacheinander unter Aufsicht verabreicht.

Betroffene haben so die Möglichkeit bei Komplikationen sofort Bescheid zu geben. Der behandelnde Arzt kann dann Abhilfe schaffen und die Ursachen der Komplikationen schnell ausfindig machen. Auch eine kurzzeitige Unterbrechung der Chemotherapie ist möglich, diese wird nötig, wenn die Medikamentengabe zu schnell erfolgt.

Wichtig ist es, dass Betroffene während und nach der Medikamentengabe viel trinken, damit die Medikamente sich nicht zu sehr in den Nieren festsetzen und der Körper gut durchspült wird. Wenn nicht gerade Ruhetage anstehen, wiederholt sich der Ablauf je nach Chemotherapie-Schema.

Morbus Hodgkin und Chemotherapie – Welche Fragen kommen auf?

Grundsätzlich gilt: Leiden Betroffene an einer so schweren Erkrankung wie Morbus Hodgkin, sind sie über einen längeren Zeitraum engmaschig ärztlich betreut. Die Möglichkeit, aufkommende Fragen zu stellen, bietet sich nahezu täglich.

Gerade in Bezug auf Morbus Hodgkin und Chemotherapie stellt sich die Frage der Nebenwirkungen. Diese sind lang und können quälend sein, müssen aber nicht zwangsläufig auftreten. Betroffene weisen unterschiedliche Ausprägungen und Erscheinungen von Nebenwirkungen aus. Bei sehr starken Nebenwirkungen kann es ratsam sein, die Therapiemethode mit dem Arzt zu besprechen.

Natürlich stellt sich bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung die Frage der Prognose. Wer an Morbus Hodgkin erkrankt ist, blickt dem Tod sprichwörtlich ins Auge.

Wie gut Betroffene auf eine Chemotherapie und optionale weitere Therapiemethoden wie Strahlentherapie ansprechen und wie groß die Heilungschancen sind, hängen von Erkrankungsstadium, Risikofaktoren, Alter und vielen individuellen Faktoren ab.

Auch kann sich die Prognose im Behandlunsgverlauf verschlechtern oder verbessern. Eine gute Kommunikation zwischen behandelnden Ärzten und Betroffenen zu dieser Thematik ist daher sehr wichtig. Auch eine psychosoziale Betreuung während der Behandlung kann zum Therapieerfolg beitragen: Schließlich ist eine solche Diagnose sehr niederschmetternd.

Negative Gefühle und depressive Phasen haben ebenfalls Einfluss auf den Behandlungserfolg.

Betroffene sollten daher nicht zögern, alle Fragen und Bedenken zu äußern und mit dem Arzt zu besprechen.

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Hilfreiche Adressen zu Morbus Hodgkin:

Fragen zum nächstgelegenen Behandlungszentrum können Sie an die Studienzentrale Hodgkin-Lymphom, Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, Zentrum für Kinderheilkunde der Justus-Liebig-Universität Gießen stellen: Tel. 0641-985-43884
oder www.kinderkrebsinfo.de

Quelle und Literatur:

Tumorzentrum München, M. Dreyling (Herausgeber): „Maligne Lymphome: Empfehlungen zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge (Manuale Tumorzentrum München)“, Zuckschwerdt Verlag, 2015
Deutsche Krebshilfe (Herausgeber), Alan P. Lyss (Autor), Humberto Fagundes (Autor), Patricia Corrigan (Autor), Doren Paal (Übersetzer), Eva M. Kalbheim (Bearbeitung), Hans A. Vaupel (Bearbeitung): „Chemotherapie und Bestrahlung für Dummies“, Wiley-VCH Verlag, 2009

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