Bedeutung des Hämoglobin bei kleineren Kindern

Hb ist die Abkürzung von Hämoglobin, dem roten Blutfarbstoff.

Beim Säugling sieht dieser Blutwert ganz anders aus als bei Erwachsenen, zumal er mit dem fetalen Hämoglobin HbF noch über eine andere Form davon verfügt.

Trotzdem kann der Hb-Wert beim Säugling zu hoch oder zu niedrig ausfallen. Wir erklären Ihnen, was das zu bedeuten hat.

HB Wert Säugling Kleinkind
Bedeutung des Hämoglobin bei kleineren Kindern Copyright: dolgachov bigstockphoto*

Hb-Wert beim Säugling: Was ist fetales Hämoglobin?

Hämoglobin (Hb) kennt man als den roten Farbstoff, den die roten Blutkörperchen zum Gastransport von Sauerstoff und Kohlendioxid verwenden. Er besteht aus vier Untereinheiten mit jeweils einem Eiweißmolekül (Globin) und einem Porphyrinringsystem mit einem zentralen Eisenatom (Häm), das für die Gasbindung zuständig ist.

In der Lunge nehmen die roten Blutkörperchen mit Hilfe des Hämoglobins den Sauerstoff aus der eingeatmeten Luft auf und geben Kohlendioxid ab. Im Gewebe findet der umgekehrte Vorgang statt: Die Körperzellen erhalten den für den Stoffwechsel notwendigen Sauerstoff und geben den Erythrozyten das bei der Zellatmung gebildete Kohlendioxid zum Abtransport mit. In der Lunge schließt sich der Kreislauf.

Was aber passiert beim ungeborenen Kind? Die Lunge wird schon lange vor der Geburt ausgebildet, funktioniert aber naturgemäß in der Fruchtblase noch nicht. Stattdessen erhält der Fetus den Sauerstoff über den Plazentakreislauf von der Mutter, der auch für die Entsorgung des anfallenden Kohlendioxides verantwortlich ist.

Im Blut der Plazenta sieht der Partialdruck der Gase Sauerstoff und Kohlendioxid wesentlich anders aus als in der Lunge. Daher verfügt der Fetus über ein spezielles Hämoglobin, das fetale Hämoglobin oder HbF. Dieses bildet er ab der neunten Woche nach Befruchtung.

Besteht das „normale“ Hämoglobin HbA (meistens) aus zwei Alpha- und zwei Beta-Ketten (α2β2), sind beim HbF die beiden Beta-Ketten durch Gamma-Ketten ersetzt (α2γ2). Diese sorgen dafür, dass die sogenannte Sauerstoffbindungskurve des HbF steiler verläuft als beim normalen Hb. Das bedeutet, dass die roten Blutkörperchen schon bei geringerem Sauerstoffpartialdruck mehr von dem lebenswichtigen Gas binden. So ist sichergestellt, dass das fetale Hämoglobin den Sauerstoff vom mütterlichen Erwachsenen-Hämoglobin übernehmen kann.

Das fetale Hämoglobin ist nicht das erste Hämoglobin, das der Körper bildet. Bereits in den ersten acht Wochen der Embryonalphase, in der das Kind noch über einen Dottersack verfügt, bildet dieser die embryonalen Hämoglobine Gower-1 und Gower-2 sowie Portland-1 und Portland-2. Hier sind die Gasverhältnisse nochmals anders als nach Ausbildung von Plazenta und Nabelschnur.

Hb-Wert beim Säugling – Das Wichtigste auf einen Blick!

  1. Vor der Geburt verfügen Kinder über eine eigene Form des Hämoglobins, die nach der Geburt nach und nach durch „erwachsenes“ Hämoglobin ersetzt wird.
  2. Zu hohe Werte sind die Folge einer perinatalen Polyzythämie. Kennzeichnend ist hier ein Hämatokrit (Hkt) über 65 Prozent.
  3. Ein zu niedriger Hb-Wert beim Säugling ist meistens durch einen Eisenmangel (Sideropenie) bedingt.
  4. Ebenso führt ein Vitaminmangel an Folsäure und/oder Vitamin B12 zu niedrigen Hämoglobin-Blutwerten.
  5. Genetische Ursachen haben die Thalassämien, bei denen die Globinketten des roten Blutfarbstoffes verändert sind.

 

Hb-Wert beim Säugling: Entwicklung nach der Geburt

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Hämoglobin und Blutkörperchen bildet der Embryo noch vorwiegend in Leber und Milz. Erst nach und nach tritt das Knochenmark als Hauptbildungsstätte der Blutkörperchen in Erscheinung. In der 35. Schwangerschaftswoche beginnt die Synthese von HbA.

Nach der Geburt wird das HbF nach und nach durch das „normale“ Hämoglobin ersetzt. Neugeborene verfügen noch über rund 80 Prozent HbF, nach ein bis zwei Monaten sind es noch 50 Prozent. Mit einem halben Jahr sind die Werte ähnlich wie bei einem Erwachsenen, in deren Blut nur noch minimale Spuren von HbF nachweisbar sind

Hb-Wert beim Säugling: Normwerte und Referenzbereich

Bei erwachsenen Männern und Frauen ist der Referenzbereich beim Blutwert Hämoglobin unterschiedlich.

Normwerte Hämoglobin (Hb-Wert, HGB-Wert):

  • Frauen 12,0 – 16,0 g/dl
  • Männer 14,0 – 18,0 g/dl

Im Vergleich dazu lebte ein Neugeborenes im Mutterleib quasi unter Sauerstoffmangelbedingungen. Daher ist sein normaler Hb-Wert ähnlich bei nach einem längeren Aufenthalt in großer Höhe höher.

Referenzbereich Hämoglobin bei Säuglingen:

  • nach der Geburt: 17 – 27 g/dl
  • nach 1 Woche: 14,0 -20,0 g/dl
  • nach 1 Monat: 9,1 – 12,5 g/dl
  • nach 6 Monaten: 9,5 -12,5 g/dl
  • nach 12 Monaten: 10,2 – 12,5 g/dl

Je nach Meßverfahren und Labor werden unterschiedliche Referenzbereiche für Kinder angegeben! Seien Sie daher nicht beunruhigt, wenn Ihr Labor andere Referenzbereiche angibt.

Hb-Wert beim Säugling: Was bedeuten zu hohe Werte?

Ein zu hoher Hb-Wert beim Säugling ist mit einem Anstieg der Anzahl roter Blutkörperchen und des Hämatokrit verbunden, die alle unmittelbar zusammenhängen. Man bezeichnet das als perinatale Polyzythämie (Übermaß an Erythrozyten um die Zeit der Geburt herum). Kennzeichnender Parameter der perinatalen Polyzythämie ist ein Hämatokrit über 65 %.

Ursachen einer solchen Erythrozytenvermehrung sind

  • Sauerstoffmangel vor der Geburt (intrauterine Hypoxie),
  • zyanotische Herzfehler wie die Fallot-Tetralogie oder eine Atresie der Trikuspidalklappe
  • Fehler beim Abklemmen der Nabelschnur (zu spät, Kind zu tief gehalten, Nabelschnur in Richtung Kind ausgestrichen)
  • Diabetes mellitus der Mutter
  • Down-Syndrom (Trisomie 21).

Symptome sind die einer Sauerstoffminderversorgung mit Atemnot und Blausucht (Zyanose). Die vielen roten Blutkörperchen machen das Blut dickflüssig (Hyperviskositätssyndrom) und erhöhen das Thromboserisiko.

Hb-Wert beim Säugling: Was bedeuten zu niedrige Werte?

Ist die Hämoglogbin-Konzentration im Blut zu gering, spricht man von einer Blutarmut (Anämie).

Ein zu niedriger Hb-Wert beim Säugling ist meist die Folge einer Eisenmangelanämie. Eisen ist essenzieller Bestandteil des Hämoglobins. Während der Schwangerschaft besteht ein erhöhter Eisenbedarf, da der des ungeborenen Kindes im Wachstum mit gedeckt werden muss. Daher sollte man die Blutwerte für Eisen (Ferritin, Transferrin) in der Schwangerschaft regelmäßig kontrollieren, damit kein Eisenmangel (Sideropenie) auftritt.

Zu wenige rote Blutkörperchen bildet der Säugling auch, wenn ihm das dafür notwendige Vitamin B12 oder Folsäure fehlen. Ein solcher Vitaminmangel muss rechtzeitig behoben werden, um schwerwiegende Entwicklungsstörungen vor allem des Nervensystems zu verhindern.

Thalassämien bezeichnet eine angeborene Störung bei der Synthese der Globinketten, die ebenfalls den Hb-Wert beim Säugling reduzieren. Je nachdem welche Globinketten betroffen sind, spricht man von α-, β-, γ- und/oder δ-Thalassämien. Man unterscheidet verschiedene Schweregrade, von denen nur die schwersten mit regelmäßigen Bluttransfusionen behandelt werden müssen. In Malariagebieten stellen Thalassämien sogar einen Selektionsvorteil dar, da sie einen natürlichen Schutz vor Malaria bieten.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

  • Robert F. Schmidt, Gerhard Thews, Florian Lang: Physiologie des Menschen (Springer-Lehrbuch). Stuttgart 2000: Springer-Verlag. ISBN-10: 3540667334.
  • Rainer Klinge, Stefan Silbernagl: Lehrbuch der Physiologie. Stuttgart 2005: Thieme-Verlag. ISBN-10: 3137960045.
  • Klaus Dörner: Taschenlehrbuch Klinische Chemie und Hämatologie. Stuttgart 2013: Thieme-Verlag. ISBN-10: 3131297182
  • Saarinen UM, Siimes MA.: Developmental changes in red blood cell counts and indices of infants after exclusion of iron deficiency by laboratory criteria and continuous iron supplementation. J Pediatr. 1978 Mar;92(3):412-6.
  • Zierk J, Arzideh F, Rechenauer T, Haeckel R, Rascher W, Metzler M, Rauh M.: Age- and sex-specific dynamics in 22 hematologic and biochemical analytes from birth to adolescence. Clin Chem. 2015 Jul;61(7):964-73. doi: 10.1373/clinchem.2015.239731. Epub 2015 May 12.
  • Mattias Aldrimer, Peter Ridefelt, Peo Rödöö, Frank Niklasson, Jan Gustafsson & Dan Hellberg (2013): Population-based pediatric reference intervals for hematology, iron and transferrin. Scandinavian Journal of Clinical and Laboratory Investigation, 73:3, 253-261, DOI: 10.3109/00365513.2013.769625
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